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Budde, Harald: SWENTY. Ein phantastischer Roman
ISBN 3-933664-18-7 (05/2003)
256 Seiten, 1 Abb., Ebr., EUR 15,80

Dies ist Harald Buddes opus magnum, seine ultimative Liebeserklärung an alle Frauen, die er in der Figur SWENTY bündelt

Leseprobe
 
Cercön zündet sich ein Zigarillo an mit den langsamen Bewegungen von Menschen, die verzweifelt versuchen, gelassen zu bleiben.
Sein Zauberschiff war notgelandet. Das Zauberschiff war sein Bett, es konnte fliegen, wenn es nicht notlanden mußte; Cercön hatte es einst mit einem Kasten Klosterschwarzbier auf den Namen „Himmelsüße Sehnsucht“ getauft. Von hier aus hielt er seine langen Monologe. Von hier aus begab er sich regelmäßig auf die Suche nach Swenty, die ihn einst verlassen hatte. Von hier aus eröffneten sich ihm ungeahnte Möglichkeiten, allen jenen Frauen wieder zu begegnen, die ihm einst etwas bedeutet und die Spuren in ihm hinterlassen hatten.
Die „Himmelsüße Sehnsucht“ trug alles, was Cercön lieb und wert war: die Teddybären und Puppen seiner Kindheit, allen voran seine Lieblingspuppe Mirabelle, die sie schützenden, in den unterschiedlichsten Farben leuchtenden Satinkissen, das weiße Federbett mit den roten Herzen, der abgebrochene Birkenast mit dem daran befestigten türkisblauen Seidenhöschen, das einst Swenty zurückgelassen hatte. An diesem Ast hingen die Erinnerungen; und mit dem Zauberschiff schwebten die wolkenleichten Bilder vergangener Zeiten. Aber vielleicht waren sie nur Wunschträume. Wer konnte das sagen in einer Zeit, die trotz ihres betont nuklearen Charakters voller Rätsel steckte?
Swenty bewegte sich ungezwungen, da verschob sich oft der Rock: Sie trug ein betont einfaches Stück aus hellblauem Leinen, ein bißchen ausgebeult, ihre schlanke Taille trotzdem betonend; dazu eine zinnoberrote Bluse. Die Schultern schmückte ein türkisblauer Schleier aus Tüll. Die blonden Haare hatte sie hinten mit einer hellgrünen Schleife zusammengebunden. Zwar war der Pferdeschwanz schon längst aus der Mode, so aber fielen ihr die Haare wenigstens nicht in die Augen. Ihre Hände waren immer beschäftigt, sie konnten ihre Frisur nicht ständig in Ordnung bringen. Ihre Hände waren für die Bildhauerei da, ja für die Bildhauerei!
So war sie. Und wem sie nicht gefiel, der brauchte sie nicht anzusehen.
Doch Cercön schaute Swenty unentwegt an, und was er in ihrem Gesicht las, waren Wunderzeichen der Liebe.
Swenty lauschte. Aus dem Zauberschiff „Himmelsüße Sehnsucht“ drang die Stimme von Cercön, die ihr nur allzu gut vertraute, etwas belegte, rauhe Stimme, wahrscheinlich von den vielen Zigarillos. Eines nach dem anderen steckte er sich an. Immer stärker packte sie der leidenschaftliche Monolog Cercöns. Von Zeit zu Zeit aber verzog sie das Gesicht, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen oder eine falsche Note gehört: Cercön sprach zu süßlich. Glaubte wohl, der Monolog eines Verliebten würde überzeugender klingen, wenn er ihn süßlich vortrug.
Nun hörte sie konzentriert hin. Swenty! Cercön imitierte seine Geliebte! Eine vollkommene, bis zu höchsten Höhen schwingende Stimme. Sie klang wie Kristallglöckchen. Was für ein Wunder! „Geliebter! Kamerad! Weggefährte in finstersten Zeiten! Wohin hast du dich verloren?“
Swentys Liebe. Eine Verschmelzung von Leidenschaft und Schmachten. Wie lebensspendender Regen, der an einem Sonnentag aus einer plötzlich aufgedunsenen Wolke fällt, stark und üppig.
Noch eine Minute zögerte sie. Schloß die Augen, schmunzelte. Dann arbeitete sie an ihrer Plastik weiter, die Cercön darstellte, wie er auf dem Rücken seines Lieblingsbären ritt.
Doch Cercön lag auf seinem Bett, weitab von Swenty, deren Aufenthaltsort ihm noch immer unbekannt war. Er hielt ein Zigarillo. Sein Gesicht war grau und unrasiert. Die Hose war zerknautscht. In Gedanken versunken schwebte er über der Großstadt. Plötzlich, als hätte er einen wichtigen Entschluß gefaßt, drückte er energisch das Zigarillos aus, so als hätte er einen wichtigen Entschluß gefaßt, drückte er energisch, so als hätte er, das Zigarillo aus, ganz plötzlich drückte er einen wichtigen Entschluß aus, als hätte er ein Zigarillo gefaßt. Dann wandte er sich dem beigefarbenen Teddybär zu und sprach: „Hör zu, Filcick! Auf dem Mond erblickten wir das künftige Antlitz der Erde. Niemand begreift unsere Freude, als wir wieder zurückkehrten: Es war eine Rückkehr zu Jugend und Leben.“
Er war tatsächlich in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
Es war gerade Herbst. Die Chaussee nach Werneuchen funkelte im gespenstischen Zwielicht, war voller Bewegung und Geräusche. Auch der Himmel war unruhig wie die Chaussee. Die Wolken bäumten sich zu großen Eisbergen, stießen aneinander und stürzten in dem dunklen Blau des Himmels ein. Dort oben tobte eine stumme Wolkenschlacht. Hin und wieder griff auch der Mond in diesen Kampf ein. Rund, eigelb und freundlich. Wie ein Musicalmond. Er schwamm zwischen den Wolkenschollen, tauchte unter und wieder auf. Fetzen von Dunkelheit und Licht fielen abwechselnd auf den Asphalt unter die Räder der Autos.
„So einen Himmel über unsere Liebe!“ dachte Cercön. Ihm schien, nicht nur über seinem Kopf, nicht nur unter seinen Füßen, sondern auch in seinem Innern würde ein solches seltsames Gefecht zwischen Licht und Dunkelheit ausgefochten.
Sie gingen eng nebeneinander, faßten sich an die Hände. Swenty schielte Cercön an und sah seine Augen, die unter wirren Haaren auf sie schauten. So fühlte sie sich gut mit ihm und unruhig. Alles, was umher geschah, schien irgendwie irreal. Wie in ihrer Kunst.
Das wiederholte sich jede Nacht. Cercön erwartete sie jedesmal an einem anderen Ort. Einmal trafen sie sich in der Nähe des Krakauer Wawels. Sie eilte ihm entgegen, der türkisblaue Schleier flatterte im Wind. Denn kitschig mußte es sein! Ehrlich kitschig! Ein neuer roter Taftrock und eine hellgrüne Bluse schmückten ihre Figur. Die Haare trug sie nicht mehr zum Pferdeschwanz hochgebunden. Der Wind zauste nun ihre weich fließenden Strähnen. Oh, das fließende Blond in Cercöns Träumen, Fetischismus des Haars, diese duftende Seligkeit, die nie verging; und dann der türkisblaue Schleier, das Symbol einer nie enden wollenden Lust. Alles war Wirklichkeit, weil er es so wollte. „Ich bin wie du mich siehst“, hatte Swenty gesagt. Sollte sie, die tatsächlich existierte, durch einen magischen Spiegel in Cercöns Träume hinein? „Du liebst mich auf deine Art“, sagte Swenty und schützte ihren Blusenausschnitt mit der aufgespannten Hand, „ich verneige mich vor Märtyrern, Helden verachte ich.“ Cercön ging neben ihr, die eine Hand um ihre Schulter gelegt, den türkisblauen Schleier befühlend, die andere lässig in einer Hosentasche. Von Zeit zu Zeit pfiff er Gershwins „Foggy Day“ vor sich hin. Über der Krakauer Altstadt kämpften die Wolken. In die Löcher dazwischen tauchte der Mond, groß und eigelb. Unter den Füßen eilten die Schatten. Wenige Sekunden später schleppte Irma ihn zu sich nach Hause, um ihm im Video einen Ami-Film zu zeigen. Es war niemand da, denn Irmas Schwester Jessica, mit der Cercön ein kurzes und heftiges Verhältnis gehabt hatte, las, wie sich herausstellte, an der Universität antike Literatur. Irma legte die Kassette ein, und während sich der langstielige Prolog mit tiefsinnigem Gerede und nachdenklichen Stirnfalten hinzog (Cercön plapperte über Pornographie), war sie in einen irren mohnroten Kimono geschlüpft, hatte Kaffee aufgesetzt und Weißbrot mit Speck getoastet. Als dann über die Mattscheibe eine Sex-Show mit Gestöhn und einem wirren Durcheinander von Beinen, Armen und Köpfen flimmerte, knöpfte Irma Cercön das Hemd auf, fuhr ihm mit den Fingerspitzen über die stark behaarte Brust und bot ihre hellgrünen Lippen zum Kuß. Als Cercön in diesem Augenblick zur Seite blickte, sah er an den zwei Enden des Salons zwei goldene Regale, auf denen die Skulptur einer Gruppe koitierender Menschen stand. In jedem dieser Regale hatte Irma eine Sammlung dramatischer Werke und anderer Texte zusammengestellt, die geeignet waren, Teilnehmern der Orgie Anregungen zu verschaffen. Zum Beispiel gab es eine Anzahl mehr oder weniger bekannter Broschüren. Irma hatte nicht vergessen einige Partituren hinzustellen, auf denen folgende Worte wie eine Art Vaudeville geschrieben standen:
LIED. Vögeln wir allesamt/ Lassen wir uns reiten und pimpern/ Die höchste Lust in Menschenhand ist im Beruf allein zu finden/ Seien wir so tüchtig/ Daß vor dem Tod/ Das Vögeln uns diene als Paß/ Beim Übergang zum anderen Leben.
Dieses Couplet hatte Irma verteilt. Dadurch sang, wer vö­gel­te, und vögelte, wer sang. All diejenigen, die auf die kleinen min­derjährigen Jungfrauen hopsen wollten ... Oh, der Leser und die Leserin mögen dem Träumer verzeihen, Cercön war ver­sehentlich in den 1782 entstandenen libertinen Briefroman „Ge­fährliche Liebschaften“ des Franzosen Pierre Ambroise Fran­cois Choderlos de Lados geraten, und nun kehre er lang­sam in die Gegenwart zurück ... Stockend vor Verlegenheit und eines Geräuschs im Flur gegenwärtig (er hatte Angst, Jes­si­ca könnte vorzeitig aus der Uni heimkehren), küßte er Irma mit ungewohnter Zurückhaltung und mit dem Schuldgefühl eines Mädchenverführers. Und ehe er sich’s versah, hatte sie sei­ne Hand unter den Kimono geführt – da war der nackte Kör­per, die Brüste wie Bizeps so fest. Ihre Haut war leicht an­ge­rauht und fühlte sich an wie ein Blatt mit Blindenschrift. Und im durchdringendsten Augenblick sagte sie, ein bißchen außer Atem: „Grüß dich, Zauberlehrling!“
Wer sie den für solche Fälle originellen Gruß gelehrt hatte, blieb ungeklärt. Möglicherweise, so schoß es Cercön durch den Kopf, stammte er aus irgendeinem Pornofilm. Übrigens fragte sie Cercön später einmal nach der ungefähren Zahl derer, die sie vor ihm so gegrüßt hatte. Nicht aus Eifersucht fragte er, aus reiner Neugier. Und ohne mit der Wimper zu zucken, erzählte Irma, sie hätten in der neunten Klasse einträchtig schwedische Familie gespielt, doch inzwischen sei sie klüger geworden und habe die unbedingten Vorzüge des Einzelverkehrs gegenüber den „Gruppen-Fickfackereien“ schätzen gelernt; und als Cercön bei diesen Eröffnungen recht einfältig dreinschaute, da wollte sie sich ausschütten vor Lachen.
Wolken wie Fischbänke fielen über die Sonne her und ließen in rascher Folge Schatten und Licht über den Strand eilen. Vor dem grünen Hintergrund des Deiches nahm sich Minous karminrotes Kleid wie ein leuchtender Fliegenpilz aus. Cercön pfiff die Melodie „Yesterday“ von Jerome Kern vor sich hin, eine sehr melancholische Melodie, die Minou ihm wieder in Erinnerung gerufen hatte. Ein geborstener Bunker war halb aus dem Sand gerissen wie ein verfaulter Zahn. Vor ihnen gähnte ein Einsteigeloch. Minou wollte Cercön hineinschieben, aber er sperrte sich, weil in der Nähe Spaziergänger waren.
Cercöns Abneigung, sich in der Nähe von Menschen zu lieben, hatte Ursachen. Sein Vater arbeitete als Maschinenbauschlosser. In aller Herrgottsfrüh, um fünf, ging er aus dem Haus, und von klein an kannte Cercön dieses Bild: Während des Frühstücks lag auf dem Tisch ein großer Kanten Schwarzbrot. Zum Frühstück aß der Vater stets Suppe, dazu brach er von dem Kanten jeweils ein Stückchen ab, die Hälfte davon blieb für den kleinen Cercön zurück, der das Brot wegen der würzig schmeckenden, harten Rinde schätzte. Der Vater kam stets pünktlich aus der Fabrik zurück, trank seine zwei Flaschen Bier, aß zu Abend und machte ein Nickerchen vor dem eingeschalteten Radio. Doch sowie der Apparat abgestellt oder die Lautstärke auch nur leicht weggenommen wurde, war er hellwach. Um zehn ging der Vater endgültig zu Bett und war erbost, wenn Cercön beim Licht einer Nachttischlampe weiterlesen wollte, was der Junge Tage zuvor mit roten Backen angefangen hatte (so zum Beispiel das Kursbuch der „Deutschen Reichsbahn“ aus den dreißiger Jahren). Der Hausherr schimpfte alle Welt Schmarotzer, stand auf und knipste das Licht aus. Das clevere Söhnchen sparte sich vom Taschengeld eine Taschenlampe ab und versuchte unter der Steppdecke zu lesen, doch der unerbittliche Erzeuger bemerkte es und knallte die Lampe auf den Boden ... Erst kürzlich, als Cercön neben Swenty lag, das Gesicht an ihre warme Schulter gelehnt, ging ihm plötzlich auf, daß er damals, in dem engen Raum der Einzimmerwohnung, mit seinem Lesen die Eltern schlicht und einfach daran hinderte, sich zu lieben. Na klar doch! Deshalb hatte die Mutter ja auch, etwa ein Viertelstündchen nachdem das Licht aus war, regelmäßig gefragt: „Junge, schläfst du schon?“ Und noch ein Weilchen später kam sie dann an sein Bett und rückte quasi die Steppdecke zurecht ... Das Schwesterchen war ja noch ganz klein und schlief sofort ein, nachdem es die Nuckelflasche bekommen hatte.
Aber es war doch nicht Swenty, die kürzlich neben Cercön gelegen und ihm ihre warme Schulter geboten hatte. Melody! Melody war das einzige Mädchen in dem Café, in einem langen geblümten Kleid mit geraffter Taille, die Vorhänge im Café waren aus dem Stoff, aus dem Melodys Kleid gemacht war. Im nächsten Augenblick zog sie das Bettuch wie ein Peplon mit sich fort, eine Tanagrafigur, und begab sich zum Wohnzimmer. Das Ziehen am Herzen stellte sich wieder ein (seit Monaten hatte Cercön in gewissen Abständen Herzschmerzen!). Aber sie ging nicht in das Wohnzimmer hinein, sie spielte Vogel, flatterte mit den Armen ... Wenn sie die Bewegungen des Fliegens machte, tauchte ihr schlanker und fester Körper, der in seiner Blässe rührend wirkte, rasch auf und verschwand wieder. Er begehrte sie heftig. Vor der Zimmertür blieb sie stehen und sagte sehr ernst: „Ich bin eine Hure, Cercön.“
Flink schloß sie die Tür hinter sich ab.