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Burak, Dilek Lohipha: Der tschetschenische Tanz
ISBN 3-933664-12-8 (05/2002)
154 Seiten, 1 Abb., Ebr., EUR 11,80

Der tschetschenische Tanz ist der Inbegriff von Optimismus, Stärke, Toleranz und Aufopferung; wobei der Überlebenskampf des kleinen und doch sehr starken tschetschenischen Volkes in seinem Tanz besonders deutlich wird.
Janberd ist ein junger Tschetschene, der in Deutschland studiert. Er vermerkt und analysiert alles, was ihm begegnet und seltsam erscheint, um so herauszubekommen, ob das gesellschaftliche Leben in einem hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland seinen eigenen Erwartungen entspricht.
Janberds Auseinandersetzung mit seiner Herkunft führt den Leser ein in das Leben der Nordkaukasier, ihrer Geschichte und ihre Bräuche. Darüber hinaus vermittelt der Roman auch Grundwissen über den Islam und bietet Kochrezepte, die zum Nachmachen anregen.

Leseprobe

An der Tür empfängt ihn Willfried und stellt ihn den anderen Gästen vor. Um den üblichen Fragen, seit wann er in Deutschland ist, auszuweichen, und dadurch nicht gleich wieder genervt zu werden, geht er ans Buffet, um sich eine Kleinigkeit zu holen. Während er seinen Krabbensalat ist, fällt ihm eine Frau besonders auf:
Sie sitzt abseits von den anderen Gästen auf einer Couch, mit einem Getränk in der Hand, das sie möglichst lange als Bezugsobjekt zu nutzen gedenkt. Ihre sinnlichen Blicke verraten ihm, dass sie das Leben von einer ganz anderen Seite betrachtet als die meisten anderen Menschen. Janberd wundert sich, warum eine so gut aussehende Frau alleine sitzt. Wahrscheinlich ist es nicht ihr Tag, denkt er sich, und ihre Kühle muss die anderen wohl abgeschreckt haben. Aber sie ist doch wohl gekommen, um etwas Spaß zu haben, überlegt er sich weiter. Und dieser Gedanke ermuntert ihn, sie anzusprechen. Doch Willfried kommt ihm zuvor und stellt sie einander vor: „Duygu, darf ich dir Janberd vorstellen? Er ist ein guter alter Bekannter von mir. Ein richtiger Tschetschene: Ein sehr vornehmer und höflicher junger Mann. Die Tschetschenen sollen übrigens die Ritter des einundzwanzigsten Jahrhunderts sein. Wenn ich eine Frau wäre, würde ich ihn nicht entwischen lassen. Janberd, das ist Duygu. Sie macht heute Abend zwar ein finsteres Gesicht, aber ich denke in deiner Gesellschaft wird sich das gleich ändern. Entschuldigt, ich muss zu den anderen Gästen.“
Anscheinend von Janberd nicht sehr beeindruckt, richtet Duygu ihre Blicke wieder auf ihr Glas. Spontan würde Janberd die drei Fragen stellen, die man üblicher weise einem Ausländer stellt. Aber er versucht, sich zu beherrschen.
Zu fragen, ob sie alleine gekommen ist, wäre nicht sehr charmant. Sie nach ihrer Arbeit fragen will er auch nicht, denn überall in Berlin – er braucht nur auf der Straße an zwei sich unterhaltenden Menschen vorbei zu gehen – hört er nur das eine Thema: Arbeit. Ab und zu unterhalten sich die Leute über ein Sonder­angebot oder sie meckern über ihren Urlaub. Über etwas zu meckern würde mich jetzt nicht sehr attraktiv machen, überlegt er sich. Die verqualmte Luft bringt ihn auf die Idee, ihr den Vorschlag zu machen, zusammen auf die Terrasse zu gehen. Janberd fällt auf, dass ihre zu früh ergrauten Haare nicht zu ihrem jungen Gesicht passen. Ihre Augenbrauen liegen so tief, dass ihre großen Augen einen traurigen kindlichen Ausdruck annehmen. Außer ihren Augen gefällt ihm ihr üppiger Schmollmund.
Da sie seit längerem mit ihrem Leben unzufrieden ist, werden durch ihre negative Ausstrahlung die Men­schen daran gehindert, sie richtig einzuschätzen und auf sie zuzugehen. Der Grund meines Unwohlseins könnte darin liegen, grübelte sie immer, dass ich wie eine Blume bin, die nicht unter den richtigen, für sie passenden klimatischen Bedingungen lebt. Ich kann nicht aufblühen. Aber es muss nicht unbedingt daran liegen, dass ich in einer für mich unpassenden Gegend lebe. Vielleicht lebe ich in einer Zeit, die nicht zu mir passt? Vielleicht ist unser Jahrhundert für meine Persönlichkeit nicht zum Vorteil. Oder habe ich immer nur das gemacht, was von mir erwartet wurde – und meine eigenen Ideen und Wünsche unterdrückt? Was ist der Grund?
Trotz ihres Unmuts hat sie eine Ausstrahlung, die auf Janberd sehr anziehend wirkt.
„Finden Sie es hier auf der Terrasse nicht viel angenehmer?“, fragt er sie.
„Ja, doch“, antwortet sie ihm gleichgültig.
„Ich habe den Eindruck, dass Sie sich mit mir gar nicht unterhalten wollen?“, fordert er sie heraus.
„Wieso?“
„Weil Sie sehr verschlossen auf mich wirken.“
„Nein, ich bin nicht verschlossen! Ich seh nur nicht mehr ein, was das alles noch für einen Sinn haben soll“, antwortet sie, ohne ihn dabei anzusehen.
„Was hat keinen Sinn?“, fragt er sie beunruhigt, denn sie wirkt so, als ob sie mit etwas Schluss machen möchte; als ob ihr alles gleichgültig geworden wäre – vielleicht sogar ihr Leben.
„Von mir will doch eigentlich niemand etwas wissen“, antwortet sie und schaut dabei auf den Boden.
„Das stimmt nicht“, erwidert er, „gleich als ich hereinkam, habe ich Sie bemerkt. Wenn mein Bekannter uns nicht vorgestellt hätte, wäre ich zu Ihnen gekommen, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich habe den Eindruck, dass ich vor einer Frau stehe, von der es nicht viele auf der Welt gibt.“
„Woher wollen Sie das wissen?“, fragt sie ihn, wo­bei ihr skeptischer Ausdruck ihre Frage unterstreicht.
„Weil es von meiner Sorte auch nicht viele gibt, die so etwas gleich bemerken“, sagt er mit einer übertrieben klingenden Stimme und lächelt sie dabei an. Sie schmunzelt über seine gespielte Eitelkeit.
„Eigentlich haben Sie Recht, ich bin sehr verschlossen. Aber nur weil ich es satt habe, immer auf andere zuzugehen. Nie bekomme ich etwas zurück. Ich bin jetzt soweit, dass mir alles egal ist, was um mich herum passiert. Früher als ich arbeiten ging, ich meine, die Zeit, als ich in Büros gearbeitet hatte – ich langweile Sie doch nicht?“
„Nein, ganz bestimmt nicht, ich bin froh, dass ich eine wunderbare Gesprächspartnerin gefunden habe“, antwortet Janberd lächelnd. Das ermutigt sie, weiter von ihrem Leben zu erzählen.
„Wissen Sie, ich habe es nirgendwo lange ausgehalten. Nicht die Arbeit war der Grund, warum ich immer gekündigt habe, sondern die passive Haltung meiner Kollegen mit gegenüber. Überhaupt hatte ich das Pech, immer in Büros gearbeitet zu haben, in denen ein sehr schlechtes Arbeitsklima herrschte. Sicher haben Sie das schon oft erlebt, dass an manchen Tagen alles schief geht und an anderen Tagen wieder besser. Aber bei mir war das nicht so, dass mal eine Arbeitsstelle gut war, und die andere schlecht. Ich hatte das Los, dass ich immer in den falschen Büros gelandet bin. Meine Vorgesetzten waren Universitätsabsolventen, die sich bemühten, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Auch untereinander waren sie sehr verschlossen. Wenn einer zum Beispiel geniest hatte, sagte niemand Gesundheit – nur um zu zeigen, wie beschäftigt man ist. Den ganzen Tag gab es kaum eine Unterhaltung. Wenn in den Pausen alle zusammen aßen, wurde zum Beispiel mindestens zehn Minuten lang gesprochen, wie toll der Kaffee riecht, wenn die Packung neu geöffnet wird. Oder Themen wie das Aussehen der Gläser, die auf dem Tisch standen. Aber kaum einer erzählte mal was von sich. Länger konnte ich diese maskierten Menschen nicht mehr ertragen und beschloss eine einfache Hilfsarbeit anzunehmen, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.“
„Entschuldigung, Duygu, dass ich unterbreche, hier stehen zwei Stühle. Möchten Sie sich setzen?“
„Ja, das wäre mir sehr angenehm.“
„Erzählen Sie bitte weiter. Aber vorher würde ich gerne wissen, was ihr Name bedeutet.“
„Duygu bedeutet Empfindung“, antwortet sie traurig, als ob sie durch diesen Namen dazu verurteilt wäre, alles ganz genau empfinden zu müssen. „Ich begann im Altersheim zu arbeiten. Doch diese Tätigkeit war auch nicht von langer Dauer. Zwar trugen die Beschäftigten dort keine Masken – aber da gab es etwas, was ich nicht länger ertragen konnte. Es ist die merkwürdige Einstellung der Menschen hier in Bezug auf den Tod. Der Tod ist belastet mit schwarzer Kleidung und Skulpturen auf den Friedhöfen. Überhaupt ist alles, was mit dem Tod zu tun hat, dunkel und unheimlich. Bei meiner Arbeit störte mich auch, jeden Tag nur die ältere Generation zu sehen. Es war ein unnatürlicher Zustand – eine Ansammlung von älteren Menschen, die miteinander nichts gemein hatten. Sie waren gezwungen, zusammen auf den Tod zu warten. Wenn man bedenkt, dass diese Menschen nach dem Krieg sehr hart gearbeitet haben, finde ich es schade, dass die Deutschen keine Lebensphilosophie entwickelt haben, um dieser Generation ein Leben mit der Familie zu ermöglichen. Ich glaube, in den anderen Industriestaaten ist es auch nicht anders. Von den jungen Menschen wird heutzutage sehr viel erwartet, in Bezug auf ihre Arbeit. Um auf dem Arbeitsmarkt leistungsfähig bleiben zu können, ist für die ältere Generation keine Zeit. Wenn ich morgens zur Arbeit fuhr, wurden mir die Menschen in der U-Bahn immer unerträglicher. Kein Mensch schaute den anderen an. Als ob sie die Menschen um sich herum gar nicht wahrnehmen würden. Sie saßen da wie Roboter, die nur geradeaus schauten. Ich muss zugeben, dass ich mich ihnen eine lange Zeit angeschlossen hatte. Aber diese Lebensart – dieses Nebeneinanderleben – führt dazu, dass ich fast jede Nacht immer den gleichen Alptraum bekomme.“
„Erzählen Sie mir von Ihrem Traum“, bittet er sie.
„Nun, im Traum begegne ich Menschen, mit denen ich früher etwas zu tun hatte, und obwohl sie mich kennen, gehen sie an mir vorbei, als ob ich nicht da wäre. Sie grüßen mich nicht einmal und gehen immer nur an mir vorbei; und dann machen sie auch nichts Wichtiges. Und wenn ich sie anspreche, weichen sie mir aus. Dass diese Menschen immer nur an mir vorbeigehen, macht mich wahnsinnig. Wenn ich morgens aufwache, fühle ich, wie mein Selbstwertgefühl immer weniger wird. Es verschwindet jeden Tag etwas mehr. Bei Vorstellungsgesprächen bin ich die absolute Niete geworden. Vielleicht macht mich die Einsamkeit so. Ich gehe immer mehr in ein Nichts und werde zu einem Nichts. Deshalb ist mir alles gleichgültig geworden. Doch ich habe eine kleine Hoffnung. Ich werde in meinem Leben etwas verändern. Ich habe mich entschlossen, für immer in die Heimat, in die Türkei zu gehen. Dort werde ich von meinen Ersparnissen,
denke ich, gut leben können. Und ich werde in eine neue Kultur hinein tauchen.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „oder so wie hier – nur daneben stehen.“

Janberd begleitet sie bis zum Taxistand. Bei der Verabschiedung verspricht sie ihm, von ihrem neuen Leben zu schreiben. Während sie in das Taxi einsteigt, schaut sie ihn mit ihren großen, ausdrucksvollen Augen an. Sie weiß, dass sie einen Schatz, den sie gerade gefunden hat, verlassen muss. Ihr ist es bewusst, dass sein Interesse für sie auf einer ganz anderen Ebene liegt, als sie es sich wünscht.

Auf der kalten, menschenleeren und schlecht beleuchteten Bahnstation geht ihm das Gespräch, das er mit Duygu hatte, noch einmal durch den Kopf. Ihren Entschluss findet er nicht schlecht. Wahrscheinlich ist es die einzige Lösung, damit sie nicht durchdreht, denkt er sich. Aber trotzdem, überlegt er sich weiter, bewirkt diese Stadt durch ihre strukturelle Ordnung ein Gefühl von Sicherheit. Als ob hier nichts schief gehen könnte, und wenn es einmal der Fall ist, dass hier etwas nicht stimmen sollte, wird es sofort in Ordnung gebracht. Jeder muss nur sein Bestes geben und das machen, was von ihm verlangt wird – so wird er ein zufriedenes Leben führen können.
Dass es nicht ganz so ist, weiß er. Ihm wird aber ein Gefühl aufgedrängt, als ob alles, was außerhalb von Berlin und Deutschland ist, unsicher, unordentlich und fremd ist. Aber wenn jeder denkt, dass er nur für seine Arbeit zuständig ist und sich als ein wichtiges Glied in der Kette sieht, könnte es hier wieder gefährlich werden, überlegt er sich. Was ihn am meisten stört, ist die Haltung der Deutschen zu den Nichtdeutschen. Die Deutschen teilen sich in zwei Gruppen: Für die einen, das ist die Mehrzahl, gibt es die guten Ausländer; und für den Rest gibt es die bösen Ausländer. Sie mögen aber alle den tüchtigen und ruhigen Türken auf der Arbeit. Dass die Ausländer einen großen Beitrag für die deutsche Wirtschaft geleistet haben, verdrängen sie. Und dieses Nebeneinanderleben, überlegt er sich weiter, dauert schon mehr als vierzig Jahre.
Ursprünglich waren diese Menschen nach Deutschland gekommen, um für eine kurze Zeit zu arbeiten. Sie bewahren sich das Ziel, dass sie nach zwei Jahren in ihre Heimat zurückgehen werden – auch nach vierzig Jahren. Jahrzehntelang haben sie alles, was sie sich in Deutschland nicht gönnen wollten, in ihre Heimat geschleppt. Ihr größter Wunsch war es, eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus in der Türkei zu haben. Sie richteten ihre Heime dort luxuriös ein und wohnten trotzdem die ganze Zeit provisorisch in Deutsch­land. Mit der Zeit ist das, was sie in ihre Heimat gebracht hatten, schon längst aus der Mode gekommen. Und sie bedachten nicht, dass auch ein Haus nur eine bestimmte Lebensdauer hat, besonders in Erdbebengebieten.
Aber das provisorische Leben ist ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass manche ein normales Leben in ihrer Heimat sogar fürchten.
Da die meisten von ihnen sich von der deutschen gesellschaftlichen Entwicklung abkapseln und auch an der kulturellen Entwicklung in ihrer Heimat nicht teilnehmen, sind sie sowohl in Deutschland als auch in der Türkei Fremde. Sogar ihr Türkisch, das sie vor vielen Jahren mitgebracht hatten, ist nicht mehr auf dem neuesten Stand. Auch wenn die jüngere Generation die Möglichkeit hat, mit den Deutschen mit zu wachsen, hat sie trotzdem Zweifel, ob diese Gesellschaftsform zu ihr passt.
Eigentlich ist es in Deutschland gar nicht so schwierig, sich abzukapseln, überlegt Janberd sich weiter. Weder die Deutschen noch die Türken interessieren sich für einander. In dieser Hinsicht haben sie etwas Gemeinsames. Aber die Abkapselung, die von den meisten Türken betrieben wird, birgt die Gefahr, dass anormale Verhaltensweisen entstehen, die weder von der Umgebung noch von der Gesellschaft, von Zeit zu Zeit in Frage gestellt werden. Im Bett grübelt er noch eine Weile nach. Ohne dass er eine gute Lösung findet, schläft er ein.

Am nächsten Morgen ist alles nicht mehr so grau wie am Vortag. Er schaut durchs Küchenfenster auf den Hof und bemerkt die jungen Blätter an den Bäumen. Durch den Sonnenschein wirken sie noch viel erwartungsvoller. Nach dem Frühstück macht er einen langen Spaziergang im Park. Er beendet diesen Sonntag in einem Restaurant – mit einer schönen Pizza.