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Frenzel, Ronny: Alaska mal anders
ISBN 3-933664-07-1 (11/2000)
94 Seiten, 6 Abb., Ebr., EUR 8,80

Ronny Frenzel verbrachte 8 Monate als Austauschschüler in einem Land, das mehr als ein touristisches Reiseziel und eine Erdölquelle ist. Seine Eindrücke und Erlebnisse schrieb er in einem humorvollen Stil nieder, von dem seine Leser begeistert sind.
Alaska, ein Land, über das wir nicht viel wissen, wird vom Autor in ein anderes Licht gerückt. Dieses satirische Lesevergnügen wird nicht nur diejenigen begeistern, die mehr über Alaska erfahren wollen.

Homepage des Autors: www.alaska-mal-anders.de

Leseprobe

Am nächsten Tag wurde ich von den Jugendlichen, die ihren Eltern bei deren Urlaub in den Bergen zur Seite standen, in eine Extra-Hütte eingeladen, um auch mit ihnen die kommenden Nächte zu verbringen. Das waren schon ein paar liebe Rabauken.
Einer war extra aus Tennessee nach Alaska gereist, um seinen Vati zu begleiten. Dieser sprach dann auch bis in die Nächte hinein von den Schafen, die Tennesseeler für ihre Liebe nutzen. Na, habe ich das nicht wieder galant und unvulgär ausgedrückt? Er hat natürlich gesagt, daß die da unten in Tennessee Schafe ficken, was ich aber, der Moral wegen, hier in dem Buch, was ja auch Kinder kaufen, nicht erwähnen werde. Ist ja auch zensiert! Die nächsten Tage verbrachten wir mit Frühstücken, Snowmachinereparieren, Wasser holen, Holzfällen und einigen Ausflügen.
Chisana ist der letzte friedliche Platz dieser Erde. Alle Bewohner sind freundlich, jeder kennt jeden, auch die Briefkästen sind offen und jeder könnte sich theoretisch an den Erotikkatalogen seiner Nachbarn ergötzen. Zweimal in der Woche kommt ein Postflugzeug, welches Säcke (einen Sack) an Post für die Einwohner und auch ein paar Pakete für die Angereisten bringt. Unsere Pakete befanden sich aber schon in unserer Hütte als wir da angekommen waren, da sie Ivan (der mit 86 Jahren den Dorfältesten darstellt) schon vom Flugplatz abgeholt und zu ihrem Ziel gebracht hatte.
Einige der hier erlebten Ausflüge werden immer in meinen Gedanken bleiben, da sie mich zu Dingen und Orten geführt haben, die wahrscheinlich bis heute nur von wenigen hundert Menschen gesehen wurden. Chisana war um 1913 als Goldgräberstadt gegründet worden, in der zu Spitzenzeiten bis zu 10.000 Menschen lebten. Es gab Geschäfte, Werkstätten sowie Gasthäuser, welche heute alle eingefallen sind oder durch Restaurierung vor dem Einfallen gerettet wurden. Die Goldgräber aus Chisana besaßen durch Homesteading Grundstücke und Minen in der Umgebung von Chisana.
In Alaska gab es ehemals ein Gesetz (homesteading), das besagte, daß ein Mensch, so er fünf Jahre auf einer Fläche Land lebte, diese vom Staat überschrieben bekommt. Diese Besitztümer befanden sich in großen Tälern (Creeks) und sind in bestimmte Abschnitte unterteilt, welche Claims genannt werden und numeriert sind.
Unser erster Ausflug in die nähere Umgebung führte uns zu Nummer neun, welches ein Claim im “Bonanza (wie im Fernsehen) -creek” ist. Wir mußten einen Paß (Nummer 17) überqueren, einen kleinen Fluß (gefroren) hinaufklettern und ein altes eingefallenes Dorf passieren. Das Dorf an sich hieß Bonanza und diente der Versorgung der Claims mit Werkzeugen und Nahrung, da die Goldgräber bis zu drei Monate in ihrem Claim verbringen mußten, ohne die Metropole (Chisana) besuchen zu können.
Bonanza besteht heute nur noch aus drei Hütten, die zum Teil noch relativ gut erhalten sind. Die Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, waren überwältigend. Ich habe Betten gesehen, in denen vor 80 Jahren Goldgräber geschlafen haben. Ich sah Öfen, auf denen vor 80 Jahren die Frauen der Goldgräber ihr Essen gekocht haben, und ich sah Werkzeuge, mit denen Goldgräber vor 80 Jahren Gold gegraben haben. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, unter einem der Bettchen einen Klumpen Gold zu finden ...
Dieses Dorf sehen jährlich im Schnitt maximal 50 Menschen, und es ist den ganzen Sommer über nahezu unzugänglich, da es 20 Meilen von Chisana entfernt liegt. Der Weg durch das Creek zu Nummer neun wird auch von rohrähnlichen Gebilden am Rande der Klippen gesäumt, welche zum Teil zu holzkastenähnlichen Aquädukten wechselten. Dieses ganze Szenarium vermittelte einem wieder das Gefühl, etwas ganz besonderes zu erleben, da dies alles Zeugnisse von Goldgräbern waren. Durch die Gräben und Rohre floß vor 80 Jahren einmal Wasser, welches an einem etwas weiter oben befindlichen Staudamm gestaut wurde und dem Goldwaschen diente.
In Nummer neun angekommen, mußten wir die unverschlossenen vier Hütten näher unter die Lupe nehmen. Diese Hütten gehören Ivan, der sie vor einigen Jahren “gehomesteadied” hat. In ihnen befand sich alles, was sich auch vor 80 Jahren schon in ihnen befand.
In eine Hütte war im November des letzten Jahres, welcher schon fünf Monate zurücklag, ein Bär eingebrochen, der sämtliches Dosenfutter annagte und die Tür zertrümmerte. Die Tür war immer noch nicht repariert und die Nahrung lag immer noch gefroren auf dem Boden.
Im Hof befanden sich Teile eines Katapillar-Traktors, welcher benutzt wurde, um Hütten zu bauen, große Mengen an Erde zu bewegen und den Nachbarn zu imponieren. Dieser Traktor mußte, wie mir mein Gastvater erklärte, denselben Weg zurücklegen, wie wir mit unseren Snowmachines. Als er mir das so berichtete, wurde mir erst mal ganz spontan etwas schlecht, da der Weg doch schon einige tückische Tücken hatte und meiner Meinung nach schon für uns unpassierbar war.
Rund um Nummer neun gab es keine Bäume, da alle Hütten aus diesen gebaut worden waren. Die Hütten, die in Nummer neun stehen, haben die letzten Reste an Bäumen aufgebraucht. Hätte es um Nummer neun ausreichend Bäume gegeben, befände sich Chisana wahrscheinlich heute an anderer Stelle. Man hätte einen Flugplatz in dem Tal errichten und das Wasser des Creeks nutzen können. Hin und wieder wird Nummer neun noch zum Übernachten genutzt, da alles noch gut erhalten ist, Lebensmittel vorhanden und die Nachbarn freundlich sind. Man findet sogar Munition für Gewehre, Sägen, Batterien, eine Gaslichtanlage (mit Futterflasche und Rohrwerk) und Betten sowie Laken und andere, zum Überleben wichtige Sachen.
An diesem Tage beschlossen wir, noch weiter in die Berge vorzudringen und noch einige Hüttendörfer zu besuchen. Vier Meilen und eine Creekgabelung weiter fanden wir schon das nächste Dorf, dessen Namen ich aber nicht mehr weiß (ich könnte euch auch sagen, es hieße “Nummer 15b”, mach ich aber nicht, weil ich euch nicht anlügen kann, da ihr mir sonst noch dieses Buch zurückschickt). In diesem Dorf fanden wir zwei noch voll funktionstüchtige Traktoren sowie allen möglichen anderen Kram. In einer Hütte überraschte mich ein antikes, verrostetes Taschenmesser, welches mein Gastvater noch von seinen früheren (ich spreche von “früher” das heißt 20-30 Jahre) Aufenthalten her kannte. Dieses Taschenmesser mußte ich als Beweisstück konfiszieren, da mir sonst keiner glaubt.
Ein noch tieferes Eindringen in die Bergwelt führte uns, vorbei an einem Holzkreuz, zu einem flachen Hügel, wo wir halt machten und George mich fragte, was dieser Hügel ist. Ich wußte es nicht ... Es hätte ja eine alte Indianergrabstätte sein können und jetzt liegt ein Fluch auf uns, doch das war es nicht. Es war ein Flughafen. Ich mache keine Scherze, der Hügel hatte eine Steigung von 10 % und war durch ein kleines Fähnchen gekennzeichnet.
Ich fand das mal wieder so interessant ... Da rast man so mit 50 Sachen durch die Bergwelt, hält irgendwo in der Mitte vom Nirgendwo an, wundert sich, was los ist und wird belehrt, daß man einen Flughafen vor sich sieht ... Dieser Flughafen machte für mich keinen Sinn, da es in unmittelbaren Nähe keinen Claim oder ähnliches gab. Doch die Fahne, die einer Windhose ähnelt, und meines Daddies Erzählungen, wie er dort schon ein paarmal gelandet ist, haben mich davon überzeugt, daß es ein Flughafen sein muß.