Home
 
edititon belletriste
 
Belletristik
 
Erzählungen
 

 
edition belletriste
 

GOETHE, Johann Wolfgang und das Goethe-Team: Gepflegtes Rasen
... was Sie über Autobahnpsychologie wissen sollten
mit 70 Zeichnungen von Christoph Schöne
ISBN 3-933664-50-0 (08/1999)
132 Seiten, Br., EUR 8,80

Noch nie war es so erheiternd, Goethe zu lesen. Noch nie gab es bei Goethe Tips und Punkte, noch nie gab es bei ihm Cartoons. Das alles bringt dies Buch, und obendrein einen rasanten Exkurs über die deutsche Autobahn. Sind Sie ein Gentleman-Raser? Der neue Goethe sagt Ihnen, ob Sie sich zu dieser edlen Gattung der Umweltsünder zählen dürfen. Aber das »gepflegte Rasen« steht nicht die ganze Zeit im Vordergrund. Bei allen humorigen Spitzen ist dies Buch ein Plädoyer für eine vernünftige Fahrweise und ein aggressionsfreies Miteinander auf der Piste.
Der neue Johann Wolfgang Goethe wurde dort geboren, wo der alte Goethe aufwuchs, und er wuchs dort auf, wo der alte Goethe geboren wurde. Der Rummel zum 250. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe erfaßt auch den neuen Goethe, ob er es will oder nicht. Getrieben vom Interesse der Medien, beginnt er sein kreatives Erbe zu realisieren. Ein Team hilft ihm dabei, seine Vorstellungen und Träume, seine Ideen und Inspirationen in Bücher, Lieder und Gedichte umzusetzten. So besinnlich und gefühlvoll der neue Goethe in seinen Gedichten auch ist, seine Lieder und Bücher sind immer volksnah und humorvoll.

Leseprobe

Autofahren ist schön
Klar, das ist es. Allerdings nur, solange der Fuß auf dem Gas bleibt. Ein bißchen Bremsen gehört dazu - aber bitte nicht zuviel. Wenn der Fuß auf der Bremse festklebt, hört der Spaß auf, und der Stau fängt an. Wo zähflüssiger Verkehr durch zählebige Engpässe kleckert, ist der Spaß definitiv zuende. Wenn das Automobil nicht mehr mobil ist, ist es nur noch Auto. Und Auto fängt nun mal mit Au an und hört mit O auf.
Doch dies epochale Werk ist nicht der Philosophie der Langsamkeit gewidmet, sondern dem Gegenteil.
Hier gibt’s keine Tips, welche Schleichspur schneller ist, und die ganzen fiesen Tricks sind nicht für Leute mit Ente. Entenfahrer mögen den weisen Leitspruch “Eile mit Weile” beherzigen. Oder “Entum Momentum”, wie der Küchenlateiner sagt - oder war das küchengriechisch? Nein, die griechische Küche weiß mit Enten wenig anzufangen, es muß wohl doch Latein sein.
Genug des Abstechens in die Gelehrsamkeit, lassen Sie uns wieder Klartext reden. Was im Amtsdeutsch als “überhöhte Geschwindigkeit” daherkommt, ist für uns schlicht und einfach Rasen. Und das Rasen in seiner vielfältigen Ausprägung soll unser Thema sein.

Vollgas? Vollgas!
Jawohl, Vollgas, das ist es. Sie wissen, wo beim Auto das Gaspedal sitzt? Sie wissen, was passiert, wenn man feste drauftritt? Na, dann herzlich willkommen in der Gemeinde der Raser. Ach so, wenn sie Ente oder Käfer fahren, oder einen müden Dieselschlitten, dann gehören Sie nicht dazu. Sorry, das reicht nicht zur Qualifikation als Raser. Da müssen Sie schon ein paar PS mehr unter Ihrer Motorhaube haben.
An Ihren Kopf werden dagegen keine überhöhten Ansprüche gestellt. Ein einigermaßen durchschnittlicher IQ reicht vollkommen. Die Gemeinde der Autofahrer ist schließlich enorm vielgestaltig. Jeder, der einen Lappen besitzt, gehört dazu (Lappen ist das neudeutsche Wort für Führerschein). Es ist geradezu ein Wunder, daß soviele verschiedene Typen sich denselben Regeln unterordnen, auch wenn es nur Verkehrsregeln sind.
Na schön, nicht jeder tut es, und nicht jederzeit. Doch immerhin überleben jedes Jahr 99,99 Prozent der Verkehrsteilnehmer, und das spricht für sich.
Wenn wir schon vom Überleben sprechen: überhöhte Geschwindigkeit unterhölt die Verkehrssicherheit. Rasen ist gefährlich, wenn man es ohne Verstand tut. Bevor wir uns mit den einzelnen Aspekten der Raserei auseinandersetzen können, müssen wir aber erst mal freie Bahn haben. Und das ist heutzutage nicht so selbstverständlich.

Autos vermehren sich ungeschlechtlich
O ja, das tun sie. Deshalb geht die Sache bei den Autos auch schneller als bei den Menschen. Der Verkehrsminister braucht nur das Band von einem neuen Straßenabschnitt durchzuschneiden, da muß er schon zur Seite hechten. Die Blechlawinen kommen angewalzt, kaum daß er das Wort “Autobahnneubaustreckenabschnitt” heraushaspeln kann.
Ja, es gibt ganz schön viele Autos, und es rollen jeden Tag neue aus den Autowerken. Wenn die Vermehrung des Autos in dem Tempo weitergeht, wird der Verkehr auf der Straße bald langsamer als auf den Fließbändern in der Fabrik ...
Doch noch ist es nicht soweit. Noch gibt es Strecken,die nicht überfüllt sind. Noch gibt es Passagen ohne Tempolimit. Noch gibt’s bei uns keine allgemeine Geschwindigkeitsbeschränkung. Ein Wunder in einem Land, wo die Regulierungswut vom Hundertsten ins Tausendste geht.
Mit unserem Auto dürfen wir rasen - aber wehe,wenn wir ihm eine ungenehmigte Garage hinstellen. Dann zeigt sich die Obrigkeit von ihrer unangenehmen Seite. (Eine Untersuchung, ob sie auch andere Seiten hat, würde den Rahmen dieses famosen Werks sprengen.) Auf alle Fälle sollten wir die Amtsgewalt nicht herausfordern, in Sachen Kraftfahrzeug tätig zu werden.
In Sachen KFZ, denn so heißt das Auto amtlich. Und der Motor heißt mit vollem Namen Verbrennungsmotor. Aber das ist irreführend. In Wirklichkeit sind es lauter kleine Explosionen, die uns vorantreiben - bei Vollgas zwei oder drei pro Meter. Dies lehrreiche Werk möchte dazu beitragen, daß es viele kleine Explosionen bleiben, und nicht eine große ...