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Haertel, Manfred: Verflucht, gehaßt und abgeschoben. Eine Jugend in DDR-Heimen
ISBN 3-933664-13-6 (10/2002)
252 Seiten, Ebr., EUR 19,50

Das Buch
Achim ist 14 Jahre alt. Seit seinem dritten Lebensjahr ist er in DDR-Heimen untergebracht. Ihm wird glaubhaft gemacht, daß seine Eltern ohne ihn in den Westen geflüchtet seien. Erzählt wird sein Leben bis zur Volljährigkeit und bis zur Entlassung aus der Obhut der sozialistischen Heimerziehung. Der kreative und sensible Junge wird von seinen auffallend inkompetenten und überforderten Aufpassern häufig mißverstanden und aus Bequemlichkeit ignoriert. So in die Aggressivität gedrängt, wird er immer wieder in ein „schärferes“ Heim abgeschoben, bis er schließlich im Jugendwerkhof bei angeblich Schwererziehbaren landet.
Der Autor, der selbst 15 Jahre in einem Jugendwerkhof als Lehrer tätig war, schildert aus kompetenter Sicht das Leben in DDR-Heimen und vor allem in Werkhöfen. Die auffälligen und straffälligen Jugendlichen wurden von der Gesellschaft als Außenseiter behandelt, denn sie paßten nicht ins Schema eines sozialistischen Menschenbildes.
Der Autor stellt in einem klaren Stil und in teilweise drastischen Bildern, aber nicht ohne Humor, das geleugnete Versagen der DDR auf dem Gebiet der Heimerziehung dar. Schonungslos werden die Ursachen genannt. Die Legende, wonach ausschließlich die sozialistische Erziehung in der DDR ein gutes Menschenbild herauszubilden vermag, entpuppt sich letztlich doch nur als eine Vision, als ein Märchen.

Der Autor
1945 in Brandenburg/Havel geboren. Besuch der Zehnklassigen-Polytechnischen-Oberschule. Lehre als Profilwalzer mit Abitur im Stahl- und Walzwerk Brandenburg. Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule in Magdeburg als Diplomlehrer für Sport und Geschichte. Von 1970 bis 1985 Lehrer am Jugendwerkhof in Lehnin. Scheidet auf eigenen Wunsch als Lehrer aus, wird in der Hoffbauerstiftung in Hermannswerder Honorardozent am Kirchlichen Oberseminar und unterrichtet Sozio- und Milieutherapie an der dortigen Altenpflegeschule. Mit Hilfe der Leiterin kann er dort seine Manuskripte vor dem Zugriff der Stasi verstecken. 1985 adoptieren er und seine Frau ein Heimkind von 15 Monaten. Ab 1986 Lehrer an der Polytechnischen Oberschule in Damsdorf. Auftrittsverbot als Büttenredner im Karnevalsverein, politische Querelen um die brutale Niederschlagung der Studentenunruhen in China, Forderung nach Glasnost und Perestroika machen ihm das Leben in der DDR immer unerträglicher. 1989 verläßt er mit seiner Familie per Ausreiseantrag die DDR und zieht in die Bundesrepublik. 1991 kehr er nach Lehnin zurück und übernimmt als Schulleiter die Realschule Damsdorf, wo er noch heute als Schulleiter tätig ist. Wegen der brisanten Thematik „Jugendwerkhof“, die er in mehreren Manuskripten niederschrieb, wurden auf ihn 12 IMs angesetzt. Man befürchtete, daß er Manuskripte in den Westen schmuggeln würde. Die zu realistischen Schilderungen über das Leben in einem Jugendwerkhof durften von DDR-Verlagen nicht veröffentlicht werden.
Bisherige Veröffentlichungen: Zwei Kurzgeschichten (Evangelische Verlagsanstalt Berlin, St.-Benno-Verlag Leipzig) / Die DAFA und das ZDF drehten 1991 nach seiner Erzählung den Spielfilm „Jana und Jan“.

Leseprobe

Autoreifen haben den frischen Schnee auf den Asphalt geplättet. Vorsichtig lenkt der Fahrer seinen Bus durch rutschige Kurven. Fünfzehn Jungen haben ihren Fensterplatz, sitzen da, so ungewöhnlich schweigsam und still. Der Fahrer wundert sich, wirft einen Blick in den Rückspiegel: Diese Rabauken balgen sich doch sonst immer rum? Die Jungen sehen stumm nach draußen. Es scheint, als wären sie weit entrückt. Schwermut drückt ihre Körper in die weichen Polster. Er dreht sein Radio lauter. „Oh, du fröhliche ...“ erklingt mit hellen Kinderstimmen und nagt an verkrusteten Seelen.
Dann hält der Bus. Der Fahrer ruft: „Jungs, aussteigen! Endstation!“ Rekelnd erheben sich die Jungen und schieben sich unwillig durch den Gang. Achim seufzt: „Schade, die Fahrt war so schön!“ Kaum sind die ersten vom Trittbrett gesprungen, da entbrennt auch schon eine Schneeballschlacht. Die Worte des Fahrers: „Schöne Feiertage, Jungs!“ gehen im Lärm unter. Alles walkt, tritt und schubst drauflos. Schnee wird unter streitbaren Füßen zerstampft. Achim befriedigt seine Rauflust am schmächtigen Jens. Er hat ihn am Kragen gepackt und schleudert ihn herum. Jens wimmert, er solle doch von ihm ablassen. In seiner Bedrängnis verspricht er Achim Süßigkeiten von seinem Weihnachtsteller und Zigaretten. Doch Achim wirft seinen klotzigen Körper gegen Jens’ schmale Brust. Sie fallen in den Schnee. Achim oben drauf. Seine Augen funkeln wild. Sein Körper steckt voller Spannung. Er greift ins Genick und drückt Jens’ Gesicht in einen Schneehaufen. Dann kniet er auf dessen Rücken, lüftet die Hose und stopft Schnee in die Unterhose. Plötzlich verstummt das Gelächter. Achim guckt verdutzt, als er den Erzieher Lechter vor sich stehen sieht. Flink ist er auf den Beinen und stammelt: „... wir ... äh...wir machen bloß Spaß. Auf Jens zeigend, fügt er hinzu: „Der kleine Jensi ist ausgerutscht. Ick wollte ihm gerade wieder hochhelfen. Wirklich!“ Im säuselnden Tonfall wendet er sich an Jens, der noch immer in eingeigelter Stellung verharrt: „Stimmt doch Jensi, du bist auf die Schnauze gefallen?“ Er packt ihn am Anorak und zieht ihn derb hoch. Jens, noch völlig verstört, klopft sich den Schnee ab und beteuert: „Ja, ja, Herr Lechter, ich bin ausgerutscht. Achim war so nett ...“ Der Erzieher schneidet ihm das Wort ab: „Euren Spaß kenne ich schon.“ Er klopft Achim schwungvoll auf die Schulter: „Los, einrücken! Umziehen! Hausreinigung! Der Weih­nachtsmann ist schon unterwegs.“ Lechter schlittert dem Haus­ein­gang zu und pfeift vor sich hin. Als er im Haus verschwunden ist, bricht die Toberei erneut aus. Maik rempelt Jens von hinten an. Er liegt wieder im Schnee. Achim preßt einen Schneeball und meint: „Kinnings, wir bescheren Jens schon jetzt.“ Peter nimmt Jens von hinten in den Klammergriff. Maik drückt ihm die Kiefer auseinander, und Achim schiebt ihm den Schneeball in den Mund. Jens schmerzen die Zähne. Sein Gaumen ist wie betäubt. Eiskaltes Schneewasser läuft ihm den Schlund hinunter.
Für Lechter ist diese Trödelei nun doch gegen seinen Zeitplan. Er reißt das Fenster auf: „Nun aber Beeilung, ihr Schlafmützen!“ Knuffend und buffend drängeln sich die Jungen in den Flur. Der Erzieher sieht das wohl, mischt sich aber nicht ein, weil er die knisternde Spannung spürt, die Unruhe, die in den Jungen brodelt und schlagartig in einen moralischen Kollaps umschlagen kann. Bei der Hausreinigung bricht der Sturm los. Achim protestiert lautstark: „Immer schrubben! Um viere aus dem Bett gejagt! Bis Mittag schuften. Dann den Werkhof auf Hochglanz bringen, damit Lechter Pluspunkte sammeln kann, wenn der Herr Direktor die Zimmer kontrolliert! Det soll Heiligabend sein? Ha! Ha! Ha!“ Die anderen Jungen stimmen ihm zu: „Sauladen!“, denn sie empfinden so schon gewaltigen Groll. Viele durften nach Hause zur Familie. Andere zu Verwandten. Nur für sie war kein Platz in familiärer Umgebung.
Ausgerechnet heute ist Achim mit der Kloreinigung dran. Vergnatzt sitzt er auf der Heizung und sinnt darüber nach, wie er sich an solch heiligem Tag vor dem Kloputz drücken kann. Er stützt sich auf dem Schrubberstiel und raucht. Jens kommt die Treppe hinauf. Mit dem Fuß stößt Achim die Flurtür zu. Als Jens die letzte Stufe erreicht, spricht er ihn an: „He, Jensi!“ Jens zuckt zusammen und fragt stotternd: „W ... wa ... was is’n?“ „Wat is’n? Wat is’n? Frag’ nicht so blöd! Siehst doch, daß ich Schrubberelli spielen soll. Du siehst doch ein, daß mir das nicht steht.“ Ehe sich Jens versieht, hat er den Eimer in der Hand. Den trockenen Scheuerlappen breitet Achim auf Jens Kopf aus. „Kiek mal, wie gut dir die Kloutensilien stehen“, lacht Achim. Jens spürt Widerwillen, wehrt sich aber nicht. Das Klo ist der Lieblingsort der Jungen. Hier spielt sich, vor allem nachts, das eigentliche Leben ab. Hier werden Kippen bis zum letzten Zug gequält, hier wird über die Erzieher abgeurteilt, hier werden Pläne ausgeheckt, und hier wird nach Herzenslust hingespuckt, wo man gerade steht oder sitzt. Achim befiehlt: „Nun klotz ran, Keule!“ greift in die Tasche, holt eine Karoschachtel heraus und steckt Jens eine Zigarette zu: „Hier, haste ‘ne Lulle! Brauchst es doch nicht umsonst zu machen. Ist ja Heiligabend. Klar?“ Er klopft ihm auf die Schulter. „Danke! Danke!“ überstürzt sich Jens, „bist wirklich een Freund. Echt!“
Achim schlendert pfeifend davon. Jens zündet sich die Zigarette an und pafft hastig. Dann macht er sich an den Kloputz und summt die Melodie: Oh, du fröhliche. Die dritte Klotür ist verriegelt. Ungeduldig rüttelt Jens an der Klinke: „He, mär dich aus! Ich will wischen!“ Es tut sich nichts. Jens lauscht. Ihm ist, als vernähme er ein leises Schluchzen. Jemand schneuzt sich hinter der Tür. Jens überlegt nicht lange. Er geht ins Nebenklo, steigt auf die Klobrille und klimmt an der Zwischenwand empor. Drüben hockt Peter auf der Klobrille und hält einen Brief in den Händen. „Mensch, was haste denn? Flennste?“ fragt Jens be- sorgt. Seine Kräfte lassen nach. Er rutscht an der Wand runter. Drüben wird die Tür aufgestoßen. Peter rennt mit geröteten Augen an Jens vorbei. Kopfschüttelnd geht Jens in das Klo. Der Klodeckel steht offen. Im Becken liegt der zerrissene Brief. Jens nimmt die groben Schnipsel, setzt sie zusammen und liest: „Mein liebes Peterchen! Sei nicht böse, daß du zu Weihnachten nicht zu Hause sein kannst. Aber ich habe einen neuen Freund. Und ich will mir mein Glück nicht zerstören lassen. Du hättest sowieso kein Verständnis dafür. Ein Päckchen ist unterwegs. Küßchen, Deine Mama.“ Jens liest den Brief mehrmals, kaut dabei einen Teil von seinem Fingernagel ab, spuckt ihn ins Klobecken und sagt, „Rabenmutter, verfluchte!“
Punkt siebzehn Uhr. Die Jungen trommeln mit den Fingern gegen die Klubraumtür, hinter welcher der Erzieher und der Werkhofdirektor die Festtafel vorbereiten. Maik preßt die Lippen gegen die Türritze und ruft: „Macht ‘n bisschen hinne! Wir haben Kohldampf!“ Als er absichtlich die Türklinke geräuschvoll herunterdrückt, glauben die, die hinten stehen, es ginge los. Schubsend drängen sie nach vorn. Achim prallt mit dem rechten Ellenbogen gegen die Wand. Es schmerzt. „Hier muß Ordnung rin!“ läßt er verlauten, boxt zwei in den Rücken, schnappt sich Jens an Kragen und Hosenboden und verfrachtet ihn ganz nach hinten. Maik und Peter gehen mit den übrigen auch nicht zimperlich um. Da reihen sich die anderen von selbst ein. Ganz vorn glänzt nun das Trio – Achim, Peter, Maik.
Endlich geht die Tür auf. Wie eine wilde Horde stürzen sie in den Raum. Lechter will den Ansturm bremsen. Jedoch, hier ist keiner mehr aufzuhalten. Schon im Anflug hat jeder alles überblickt. Auf jedem Platz steht und liegt dasselbe. Das beruhigt erst einmal. Freudige Überraschung bei allen: „Oh! Ah! Hm! Kiekt mal, die haben’s sich wat kosten lassen!“ „Dufte Sachen!“ „Echt Sahne!“ „Det fetzt!“ „Sozialistische Fettlebe!“
Plötzlich saust ein Schokoladenweihnachtsmann über die Köpfe hinweg. „Wer tauscht?“ ruft einer. Dann hagelt es Süßigkeiten: Marzipankartoffeln. Kekse, Lebkuchen, Puffreiskörner schwirren umher. Herrenlos rollen Nüsse über den Fußboden. Der Direktor atmet tief durch, möchte eingreifen, hält sich zurück, weil er sich erinnert, wie er als Steppke im Kreise seiner drei Geschwister auch an Transaktionen von Teller zu Teller beteiligt war. Es ging nicht ganz so wild zu, aber Kopfnüsse unterm Lichterbaum gehörten schon zur Bescherung. So schweigt er und ist sogar angetan vom Überschwang seiner Jungen. Als Lechter einen Jungen mahnend an den Haaren zupft, lächelt der Direktor: „Ach, lassen Sie die Jungen doch. Ist ja Heiligabend.“ Dann entfaltet er einen Zettel, räuspert sich mehrmals und beginnt seine Ansprache: „Liebe Jungen ...“ Die Jungen gucken entgeistert, als der Direktor die Hausreinigung lobt, die Frage klärt, wem sie das schöne Leben hier zu verdanken haben, an ihre Solidaritätsverpflichtungen erinnert, weil es ja nicht alle Kinder auf der Welt so gut haben wie sie. Und ... und ... und ...! Die Jungen wollen aber den Weihnachtsmann sehen und nicht den Direktor. Es wird gekaut, geschmatzt und getuschelt. Als der Direktor sagt: „Ich wünsche euch einen spendablen Weihnachtsmann!“ klatschen die Jungen spontan und übermütig laut Beifall.
Stiefelpoltern unterbricht jäh den wiederaufgekommenen Lärm. Alle starren in Richtung Tür. Sie öffnet sich. Eine Rute fuchtelt in den Raum. Die Larve wird gesichtet. Dann steht der Weihnachtsmann vor ihnen. Einige grölen sofort: „Olle Pit sein Punkermantel!“ „He, Pit! Verstell dir bloß nicht! Du Weihnachtsmann!“ Zwei prall gefüllte Säcke werden in den Raum gestellt. Jetzt hält es keinen mehr auf seinem Platz. Klatschen und frohes Jauchzen erfüllen den Raum. Allmählich ebbt der Lärm ab. Keiner will seinen Namen verpassen. Denn Uhren, Reisetaschen, Pullover, Anoraks, Fotoapparate oder Schallplatten kann man sich gegen ein Gedicht oder Lied einhandeln. Gedichtsfetzen werden heruntergerasselt. Wer nichts vortragen kann, muß Kniebeuge oder Liegestütze vorführen. Unter schadenfrohem Gelächter wird mancher straffe Hosenboden von der Rute gepeitscht. Alles in allem eine gelungene Bescherung, stellt der Direktor zufrieden fest und zieht sich unauffällig zurück.
Jens sitzt auf seinem Stuhl und schaut beklommen auf seinen Papp­teller, auf dem bereits der Kahlfraß gewütet hat. Zwölf Zigaretten hat er wenigstens rausschlagen können. Trotzdem schielt er jetzt zu Peter, der genüßlich sein Marzipanbrot verschlingt. Peter sieht Jens’ bettelnde Augen, bricht ein Stück ab, reicht es ihm über den Tisch: „Hier, jie­perst doch schon.“ Blitzschnell langt Jens zu, steckt das Stück in den Mund und genießt eine Weile den Geschmack.
Die Jungen sind aufgekratzt. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt den Raum. Lechter hat über dreißig Jahre als Erzieher auf dem Buckel. Er ist ratlos. Da kommt ihm die Erleuchtung. Er geht zum Tonbandgerät, legt sein mitgebrachtes Band auf. Ein Kinderchor singt „Stille Nacht, heilige Nacht ...“ Plötzlich tritt Stille ein. Jeder ist irgendwie ergriffen. Da springt Achim auf: „Ick gloobe, mein Schwein pfeift! Weihnachtsschnulzen! Wollt ihr das hör’n?“ Peter ruft: „Da kriegt man ja Krampfadern uff’m Trommelfell!“ Und Maik grinst dem Erzieher ins Gesicht: „Det spiel’n Se mal lieber Ihrer Frau vor!“ Damit ist Lechter überstimmt. Achim kurbelt am Radio. Gitarrenklänge müssen her! Schlagzeug erschüttert den Raum. Die Jungen zucken und verrenken sich im Rhythmus. Kopfschüttelnd und arg genervt verläßt Lechter den Raum und begibt sich zur Küche. Unterwegs murmelt er vor sich hin: „Nächstes Weihnachten nehme ich Urlaub oder mache krank.“ Im Klubraum, im Glanz der elektrischen Baumkerzen, la­met­ta­be­han­gen, rocken die Jungen ausgelassen durch den Raum.
Gegen sieben werden knusprige Broiler aufgetragen. Die Jungen langen begierig zu. Maik ist total aus dem Häuschen: „Det is ‘ne Fete! Wat Jungs?“ Er nagt an seiner Broilerkeule. Fett staut sich in seinen Mundwinkeln und tropft auf seine Hose. Er schnellt hoch, reißt das Tischtuch mit. Knochenreste kullern auf Achims Schoß. Wütend verpaßt er Maik einen kräftigen Rippentriller. Der ballt die Fäuste, fährt zornig herum – doch da kommt Lechter und bringt Bier. Jedem stehen zwei Flaschen zu. Großer Beifall. Peter jappst nach Luft, wischt sich den Bierschaum vom Mund und strahlt voller Glückseligkeit: „Kinder, det is ‘ne Sause! So wird gefeiert!“ Eigentlich war eine Pfirsichbowle geplant. Das scheiterte am Widerstand einiger, weil das nur Kompott für die Weiber sei. Außerdem hatte Achim gesagt: „Det Bier gehört zum Mann, wie der Schwanz zum Hund! Damit basta!“
Man fühlt sich trunken und endlich wie ein Mensch. Auf einmal ruft Achim: „He Uwe, guck mal, ob Lechter nicht spannt!“ „Alles okay!“ vermeldet Uwe. Aus einem Anorakärmel zieht Achim eine Schnapsflasche heraus und verkündet: „Das ist Maiks Weihnachtsüberraschung. Seine clevere Omi hat einen Zwanziger zwischen den Schokoladenwaffeln versteckt. Prost auf dein Omchen!“ Achim nimmt den ersten Schluck, dann Maik, dann geht’s der Rangordnung nach. Ein kleiner Schluck mit großer Wirkung. Man torkelt, rülpst, rempelt sich an und beginnt zu singen – schieftönig, unmelodisch, aber aus voller Kehle.
Achim schüttet das vierte Bier in sich rein, das er jemandem auf seine Art abgeschwatzt hat. Er spült den dritten Schluck aus der Schnapsflasche runter, öffnet das Fenster und wirft die leere Flasche runter auf den Rasen. Lechter kehrt zurück. Anfangs ist er ohne Argwohn, bis er glaubt, bei einigen glasige Augen wahrzunehmen. Er beobachtet Achim. Der wankt etwas und kann seine Streitlust nicht zügeln. An einem Ecktisch spielen zwei Dame. Ihr Spiel wird beendet, indem Achim mit zwei Handbewegungen über das Spielbrett wischt. Geduckt lassen die beiden Jungen diese Gemeinheit über sich ergehen. Lechter greift sofort ein und bemüht sich, ruhig zu bleiben. In väterlichem Ton sagt er: „Achim, komm mal bitte her!“ Achim tritt auf den Erzieher zu, glotzt ihn an. Vom Alkoholdunst umnebelt rülpst er besonders laut und nuschelt: „Wat is ‘n? Laß mir in Ruhe!“ Lechter überhört den rüden Ton. Die Jungen aber horchen auf, verstummen, lauern, starren gebannt auf den Erzieher und Achim. Hier tut sich was. Maik will sich dicke tun: „Mensch, eh, der Achim hat doch nischt jetan!“ Achim steckt seine Hände in die Hosentaschen, mustert herablassend den gleichgroßen Mann und bläst ihm ungeniert seine Bierfahne ins Gesicht.
Plötzlich kann sich Lechter nicht mehr beherrschen. Er packt Achim am Arm, rüttelt ihn und stellt in scharfem, fast schreiendem Ton fest: „Ploch, du bist ja völlig betrunken!“ Achim tut empört und lallt: „Ick, ick soll besoffen sein? Spinnst wohl?!“ Er tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. „Red’ nicht!“ wird Lechter immer erregter, „hast sicher wieder Schnaps reingeschmuggelt?!“ „Na und?“ grinst Achim unverschämt, „irgendwie muß man doch in diesem verdammten Sauladen hier leben!“ Einige Jungen wollen sich bekugeln vor Lachen, andere sind still und warten ab. Was wird Lechter tun? Wird er den Rückzieher machen, hier inmitten von fünfzehn ungebändigten Jungen? Oder wird er sich vergessen und dem Aufsässigen eine runterhauen? Tatsache ist, daß sich beide wie Kampfhähne gegenüberstehen. Achim lässig, das Gesicht weit vorgeschoben, provokativ, ohne jegliche Furcht vor einer Ohrfeige. Der Erzieher, jeden Muskel angespannt, bereit, dem Schauspiel mit der flachen Hand einen autoritären Schlußpunkt zu setzen. Ruhig und dennoch recht bestimmend fordert Lechter: „Ploch, du gehst sofort ins Bett und schläfst deinen Rausch aus!“ Achim will nicht nachgeben und erwidert: „Pöh! warum denn?“ Kurzerhand packt Lechter ihn wieder beim Arm und schiebt ihn zur Tür. Achim will sich losreißen. Doch da packt Lechter fester zu. Er stemmt sein ganzes Körpergewicht gegen den Jungen, so daß Achim ins Stolpern kommt. Die Wut raubt ihm fast die Besinnung. Er fuchtelt mit den Armen und schreit: „Ick geh alleene!“ Lechter läßt ihn los. Die letzten Meter rennt er schwankend und knallt hinter sich die Tür zu. Lechter wendet sich zu den Jungen hin, müht sich ein Lächeln ab und sagt, „Jungs, laßt uns Heiligabend feiern! Der kleine Vorfall soll uns nicht die Laune verderben! Wer spielt eine Runde Skat mit?“
Der Flur ist dunkel. Achim steht am Fenster, die heiße Stirn gegen die kaltnasse Scheibe gedrückt. Die Knie zittern ihm. Im Kopf ist ihm schwindelig. Plötzlich überkommt Achim eine unerträgliche Einsamkeit. Die Eltern im Westen. Der Bruder im Knast. Und hier? Keinen echten Kumpel. Manche biedern sich an. Manche wollen ihn peinigen, so wie der Heinz, der jetzt schön zu Hause sein kann. Vorhin war er der King. Aber jetzt auf diesem dunklen Flur fühlt er sich mutterseelen­allein und leckt sich die salzigen Tränen von den Lippen. Auf einmal reißt er das Fenster auf, legt sich weit hinaus, atmet begierig die kalte Winterluft. Der leichte Wind weht ihm Schneeflocken ins Gesicht. Mit der Zunge versucht er, Schneeflocken zu erhaschen. Vorsichtig tippen seine Finger auf das weiche Schneeflockenbett, das den Fenstersims winterlich kleidet. Von der Kirche herüber läuten die Glocken. Erschrocken zieht er seine Finger zurück. Er ärgert sich über die Eindrücke, die seine Finger hinterlassen, denn das herrliche Winterbild scheint ihm plötzlich zerstört. Eine Naturempfindung solcher Art macht ihn stutzig, hat er diese doch noch nicht an sich kennengelernt. Er schreibt es dem Alkohol zu. Das weithin hallende Ding-Dong, so fühlt er, mischt sich rhythmisch in seinen Herzschlag. Das Geläut trägt ihn davon, davon in die Freiheit, hinein in die Häuser mit den bunten hellerleuchteten Fenstern, wo sich der Heiligabend seiner Vorstellungen nach ganz anders abspielen muß.
Plötzlich vermischt sich ein fremder Atem mit dem seinigen und wird von der Kälte verschlungen. Eine Hand berührt sachte seine Schulter. Wankend wendet sich Achim um und ist verblüfft. Vor sich sieht er das blasse, schmale Gesicht mit der unpassend klobigen Nase. „D... du ... Jens?“ seufzt Achim und merkt, wie ihm speiübel wird. „Mensch, du, Achim“, beginnt Jens stockend, „nimm’s nicht so schwer!“ Achim staunt und denkt: Diese Werkhofmemme, dieser Abstreicher will mich trösten? Wenn er könnte, würde er laut loslachen. Ihm ist aber schlecht. So fragt er etwas barsch: „Was willst’n?“ Sein Tonfall verunsichert Jens für einen Moment. Verlegen schaut er an Achim vorbei und stammelt, „Na ja, ich hab gesehen, wie du bedeppert losgezogen bist, so beleidigt und wütend. Ich weiß ja, daß ich nicht dein Freund sein kann. Trotzdem tuste mir leid ...“ Achim mustert den Jungen mit verschwommenem Blick, kämpft dauernd gegen das Übelwerden an. Da zieht Jens seine Hand aus der Tasche. „Willste ‘nen Schlongs haben?“ Wie geistesabwesend greift Achim zu, wickelt das Bonbon aus, steckt es in den Mund und murmelt: „Danke!“
„Gloobste“, sagt Jens, die Worte in sich hineinkichernd, „danke hat zu mir noch keiner gesagt!“ Achim weiß nichts darauf zu antworten. Und Jens sieht seine Chance, packt sie, jetzt gleich – zweifelt er doch, jemals wieder eine solche zu haben. Seine Stimme klingt wie verwandelt, fester, entschlossener, wenngleich auch eine starke, innere Erregung mitschwingt: „Ich weiß ja, daß ihr alle mich nicht leiden könnt. Dabei tu ich keinem was. Nur weil ich solche große Pflaume bin und mich nicht wehre. Oft braucht ihr auch nur einen Prügelknaben, um eure Wut auszutoben. Kann ich was dafür, daß du im Heim großgeworden bist? Mensch, ich war selber nur in Heimen. Und ich verdammter Idiot schlucke ooch alles. Verstehste? Alles!“ Achim ist wie versteinert. Sein alkoholverworrener Blick ruht auf dem Gesicht des Jungen. Mit sich überschlagender Stimme redet Jens weiter: „Wenn ick könnte, ick würde mir nischt gefallen lassen. Aber bei mir ist nur ein kleener Pickel, wo du deine Muckis hast ...“
Achim beugt sich aus dem Fenster. Jetzt ist ihm richtig schlecht. „Mensch!“ stöhnt er, „ick gloobe, jetzt kommt die Soße!“ Aus dem Fenster will er es nicht, deshalb preßt er seine Hand vor den Mund und schwankt zur Toilette. Neben ihm läuft Jens. Mit seiner Rechten umfaßt er Achims Hüfte. Mit seiner Linken hilft er, Achims Mund zuzuhalten. Unterwegs spürt er, wie es warm durch seine Finger läuft. Übler Geruch breitet sich aus. Jens bringt seinen großen Kumpel bis zum Klobecken. „So, nun reiher dich mal richtig aus!“ sagt er zu Achim, dessen Gesicht wie eine gekalkte Wand aussieht. Dann schnappt er sich Schrubber, Lappen und Eimer, knipst das Flurlicht an und beginnt eilig mit dem Aufwischen, damit Lechter erst gar nichts spitzbekommt.
Räuspernd kommt Achim zurück. Ihm ist etwas wohler. Jens wringt den Lappen zum siebenten Male aus. „Gib mal her, Jens! Ich wisch es schon weg!“ will Achim ihm den Schrubber und Lappen aus der Hand nehmen. Aber Jens schiebt den Großen energisch beiseite: „Steck deine Ölbirne noch ein Weilchen aus’m Fenster! Na los!“ Achim steht beschämt vor Jens, dem Abstreicher, der flink den Boden säubert. „Ich ... äh ... ich“, stammelt Achim, „ich bringe die Sachen weg.“ „Mann!“ faucht ihn Jens an, „nun häng’ endlich deine dunstige Omme aus’m Fenster!“ Mit seiner ganzen Kraft schiebt er Achim ans Fenster und drückt dessen Kopf nach draußen. Dann zieht er mit den Utensilien los. „Komm aber wieder!“ ruft Achim ihm nach. Und er denkt: Der Jens hat was drauf.
Jens ist auch bald wieder bei ihm. Beide schauen aus dem offenen Fenster. Sie fangen einige Schneeflocken. Das Glockengeläut dringt in sie hinein. „Schön, was?“ bricht Jens das Schweigen. „Hm!“ entgegnet Achim. Wieder Schweigen. Dann sagt Achim: „Belämmertes Heimleben. Die da“, er weist mit der Hand auf die Häuser, „die feiern Heiligabend bestimmt ganz anders als wir hier.“ Jens hebt und senkt die Schultern und erwidert melancholisch: „Tja, nur einmal in einer Familie sein dürfen, mit richtigen Geschwistern und so.“ Wieder lassen sich die beiden hinwegtragen vom Glockengeläut. Jens will wissen: „Wo sind denn deine Eltern?“ „Die sollen im Westen wohnen. Hatten damals ‘ne Mücke gemacht. Drüben machen die sich bestimmt ‘nen Fetten. Ich wollte ja mal abhauen. Wurde erwischt. Und deine Alten?“ Jens erklärt: „Da blicke ich nicht durch, haben sich scheiden lassen als ich klein war. Vater war Säufer, hat uns alle verprügelt. Mutter ist dann irgendwann gestorben. Geschwister sollen noch in Heimen sein. Wenn ick den Alten unter die Finger kriegen würde, den würd ick zusammendreschen! Ehrlich!“ „Hast recht,“ stimmt ihm Achim zu, „durchprügeln und in den Knast stecken müßte man die Alten. Die kriegen och noch ihre Strafe!“
Achim gibt Jens eine Zigarette. Nach einigen Zügen an der Karo fühlt sich Jens unbeschreiblich glücklich. Und da gibt es für ihn kein Geheimnis, das sein neuer Kumpel nicht auch wissen soll. Zaghaft beginnt er zu erzählen: „Du, Achim, neulich war ich doch wegen meinem Blinddarm im Krankenhaus. Da war’s wirklich prima. Alle waren so nett zu mir, haben mit mir geredet und mir auch manches zugesteckt. Sonntags haben die Schwestern Lieder gesungen. Hörte sich nicht schlecht an. Nur die Texte waren ziemlich komisch. Sie haben dauernd von Jesus gesungen. Weißt du, wer Jesus ist?“ Achim überlegt kurz, antwortet dann recht überzeugt: „Na klar, der ist doch der Bruder vom lieben Gott, solch Freiheitskämpfer von ganz früher. Echt!“ Jens gibt sich mit dieser Erklärung zufrieden. „Ach so!“ geht dichter an Achim heran und flüstert: „Aber eins habe ich noch keinem verraten. Ich habe nämlich eine richtige Freundin. Wirklich!“ Das letzte Wort fügt er rasch hinzu, damit Achim gar nicht erst zu zweifeln und zu lachen beginnt. Doch Achim bleibt todernst. Das tut gut. Achims Blick ist sogar wißbegierig, und er forscht: „Na und, wie ist sie denn so? Is se kernig? Hat se Möpse?“ Jens’ Gesicht erstrahlt. Er kichert: „Dufte Ische. Echt! Müßtest sie mal kennenlernen. Vielleicht zeig ich sie dir mal.“ Mit echter Bewunderung stößt Achim hervor: „Mensch, det ätzt. Unser Jensi ist verknallt.“ Jens bittet mit ernster Miene: „Sag’s aber nicht den anderen! Ich hab’s nur dir erzählt. Die machen sich nur lustig darüber. Neidisch sind die auch.“ Achim verspricht: „Ich halte dicht.“
Er spendiert noch eine zweite Karo. Das verzückt Jens noch mehr und er beteuert, „Weißte Achim, du bist gar nicht so schlecht. Leidest bloß unter der Heimmacke wie wir alle!“ „Stimmt“, gibt Achim zu, „manchmal könnte ick mir selber anspucken. Entweder biste ein Macher, oder du bist für alle der Ali, der Abstreicher. Man müßte einfach abhauen.“ „Bringt auch nichts“, sagt Jens, „du wirst sowieso erwischt. Dann gehste ab nach Torgau. Und da sind Mauern und vergitterte Fenster. Darfst nicht mal eene durchzieh’n. Alles im Laufschritt. Kein Ausgang, wie im Knast. Nee, Du, da bleibe ich lieber hier. Hier ist auch meine Renate, die Krankenschwester wird. Du, morgen treffen wir uns wieder. Mir ist schon ganz mulmig. Du ...“ Jens stockt, schaut Achim prüfend an und bittet ihn, „borgste mir mal deinen Schlips?“ Endlich ist es raus. Jens atmet hörbar erleichtert auf. Weil Achim zögert, erklärt Jens schnell: „Du hast doch solchen schönen, bunten Schlips, den knallfarbigen. Und morgen ist doch Weihnachten. Mädchen mögen das doch, daß man chic aussieht.“ Achim platzt gleich heraus: „Klar kriegste den Schlips! Ist doch logo! Haste überhaupt schon mal ein bißchen mit ihr? Na ja, ich meine ... so ... paß mal uff! Du mußt se so umgrapschen, richtig voll ... und dann knutschst du sie ... so ... na ja, richtig mit Zungenschlag ...“ Jens lacht vor sich hin: „Na klar, ick hab ihr schon einen drauf gegeben, so, na ja, auf die Lippen. Mit Zunge ... na ja, das ... das traute ich ...“ Achim versichert ihm: „Du mußt rangeh’n wie doll. Und nicht rot werden! Verstehste?“
Jemand stößt die Klubraumtür auf. Laute Musik, Stimmengewirr und die gebrüllten Zahlen „Achtzehn – Zwanzig – Zweiundzwanzig!“ verändern alles. Auf einmal scheint das Glockegeläut verstummt. Plötzlich fröstelt Achim auch, und er klatscht seine flache Hand auf das weiche Schneeflockenbett, das den Fenstersims so winterlich kleidet. Mit zwei, drei Handbewegungen fegt er den Schnee runter und knallt das Fenster zu. Im Rhythmus der Musik zuckend, die Arme verrenkend, schwirrt er davon und ruft Jens zu: „Los, komm! Ich bin wieder fit!“ Aber Jens mag gar nicht. Er wollte noch so viel erzählen. Enttäuscht folgt er dem tänzelnden Achim. Im Klubraum, hinter stickigen, dichten Karowolken wird tüchtig gefeiert. Achim mogelt sich am Erzieher vorbei. Der sieht ihn wohl, schmunzelt leise vor sich hin. Doch dann dreht sich Achim zu Lechter um und sagt: „Entschuldigung! War echt Mist von mir.“ Der Erzieher erwidert: „Schon gut. Kann mal vorkommen.“ Am Skattisch wird Achim mit lautem Hallodria empfangen. Peter mischt die Karten. Jens sitzt auf seinem Stuhl und stiert nachdenklich auf seinen Lebkuchenberg. Dann zündet er sich eine Zigarette an. Und im Rauchschwadennebel verzerrt sich das Bild von seinem neuen Kumpel Achim.
Über dem Ort mit seinen viertausend Seelen liegt eine himmlische Stille. Ein leichter Wind spielt mit den Schneeflocken. Eine dünne Eisschicht hat den nahegelegenen See überzogen. Hin und wieder knistert das Eis. Plötzliche Risse lassen das Wasser dumpf glucksen. Im Werkhof dreht der Nachtwächter seine Runde. Die Jungen sind vom Feiern trunken und müde. Der Heiligabend hat sie geschafft. Nur Achim liegt noch hellwach in seinem Bett. Er schaut auf die Uhr, kurz nach zwei. Über ihm atmet Uwe tief und schwer. Manchmal stößt er ein Fiepen hervor, dann wieder einen weinerlichen Seufzer mit schauerlichem Wimmern, als hätte er finstere Alpträume. Die Betten der Heimfahrer sind leer. Geräuschlos gleitet Achim aus seinem Bett. Er tastet sich zu seinem Schrank, öffnet die Tür und durchwühlt im schummerigen Licht, das vom Flur her durch die Türscheibe dringt, sein unterstes Fach, bis er endlich seinen alten Campingbeutel herauszieht. Den Schlips nimmt er vom Bügel. Auf Zehenspitzen schleicht er aus dem Zimmer, über den Flur in das Nebenzimmer. Dort schläft Jens.
Achim rüttelt ihn wach: „Los, komm mit!“ flüstert er. Jens kapiert, steigt vom Bett herunter und folgt Achim in den Waschraum. Dort schaltet Achim das Licht an. Jens reibt sich die verschlafenen Augen und erblickt den knallfarbigen Schlips, den ihm Achim stolz präsentiert, um ihn dann um seinen Hals zu hängen. „Hier, den Schlips schenk ich dir. Eine nachträgliche Bescherung.“ Jens guckt an sich herab, streicht mit der Hand über den Schlips, stolziert zum Spiegel und meint: „Der ist dufte. Der wirkt. Damit hab ich bestimmt Chancen.“ Die Überraschung ist Achim gelungen. Er setzt sich mit halber Backe auf ein Waschbecken, schaut Jens mit durchdringendem Blick an und greift in seinen Cam­pingbeutel. Jens spürt, daß irgend etwas in Achim vorgeht. Sein Gesicht wirkt so ernst, sein Blick hat etwas Beschwörendes. Gespannt wartet Jens ab. Dann holt Achim sein geschnitztes Wurzelpferd heraus, hält es Jens hin: „Hier, das ist mein Geheimnis. Du mußt aber auch dichthalten! Ist mein Hobby. Hab ich selbst geschnitzt.“ Jens ist erstaunt. Das hat er seinem Kumpel nicht zugetraut. Vorsichtig nimmt er das Wurzelpferd in seine Hände und begutachtet es beinah fachmännisch: „Mensch!“ sagt er ungekünstelt, „das ist ja ein Kunstwerk! Ist ja wunderhübsch! Perfekt!“ Jens, der selbst gern malt, hat einen geschärften Blick für Details. Sogleich läßt er sich über den Kopf und die Flanken aus, die haargenau und wirklichkeitsgetreu sind, wie er feststellt. Achim fühlt sich geschmeichelt und genießt es, von Jens bewundert zu werden. „Versprich mir, es niemandem zu sagen. Die sind doch alle bekloppt. Die würden nur lästern und meine Wurzelpferde zerstören.“ „Klar!“ verspricht Jens, „ich halt die Klappe.“ Zwischen den beiden ist ein unsichtbarer Bund geschlossen. Ein Bund, so empfinden es die beiden, der sie irgendwie stärker, unangreifbarer macht.
Über drei Stunden sitzen beide im Waschraum zusammen. Achim hat zu schnitzen begonnen. Jens plaudert mit ihm über seine Freundin Renate. Gegen fünf Uhr taumeln sie übermüdet aber zufrieden in ihre Betten