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Haertel, Manfred: Ich möcht' mal in die Sonne spucken. Werkhof-Trilogie II
ISBN 3-933664-23-3 (07/2004)
256 Seiten, Ebr., EUR 19,50

Das Buch
Veit ist sechzehn Jahre alt. Er lebt in der DDR. Seine Auffassung von Freiheit passt nicht zum sozialistischen Menschenbild. Sehr bald stößt er in seinem Drang nach Freiheit an staatliche Grenzen. Im Unterricht gerät er immer mehr unter ideologischen Druck. Als er sich mit der Mutter überworfen und anschließend ein Moped gestohlen hat, wird er in einen der berüchtigten Werkhöfe eingeliefert. Hier freundet er sich mit der jungen Erzieherin Katrin an, die gerade erst das Studium beendet hat. Auch sie fügt sich nicht bedingungslos den staatlichen Zwängen. Zwischen beiden entwickelt sich eine große Liebe.
Die Werkhöfler müssen für einen geringen Lohn im Stahl- und Walzwerk als Adjustierer schuften. Veit fühlt sich ausgebeutet und zettelt mutig eine Meuterei an, die in einer schweren Auseinandersetzung mit den Erziehern endet. Als Rädelsführer wird Veit nach Torgau, in den "Jugendknast" überführt. Dort durchlebt Veit für Monate eine wahre Hölle. Bald ist er auch in den Fängen der Staatssicherheit, weil er einen Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" trägt und deswegen einen Arbeitskollegen nicht denunzieren will.
Veit zieht es immer mehr in den Westen. Als er den Versprechungen eines dubiosen Kumpels aufsitzt, droht ihm erneut eine Einweisung nach Torgau. Bei einem Polizeieinsatz gegen Veit stürzt Katrin vom Pferd und ist an der Wirbelsäule schwer verletzt. An ihrem Krankenbett erfährt Veit, dass Katrin von ihm ein Kind erwartet. Nun beginnt sein Kampf gegen sein eigenes Ich, ein hartnäckiges Ringen um seine Katrin und um ihr gemeinsames Kind. Katrins Vater, ein linientreuer Genosse, der zuerst ziemlich brachial gegen die Liebe der beiden vorgegangen ist, setzt sich später für Veit ein.

Der Autor
1945 in Brandenburg/Havel geboren. Besuch der Zehnklassigen-Polytechnischen-Oberschule. Lehre als Profilwalzer mit Abitur im Stahl- und Walzwerk Brandenburg. Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule in Magdeburg als Diplomlehrer für Sport und Geschichte. Von 1970 bis 1985 Lehrer am Jugendwerkhof in Lehnin. Scheidet auf eigenen Wunsch als Lehrer aus, wird in der Hoffbauerstiftung in Hermannswerder Honorardozent am Kirchlichen Oberseminar und unterrichtet Sozio- und Milieutherapie an der dortigen Altenpflegeschule. Mit Hilfe der Leiterin kann er dort seine Manuskripte vor dem Zugriff der Stasi verstecken. 1985 adoptieren er und seine Frau ein Heimkind von 15 Monaten. Ab 1986 Lehrer an der Polytechnischen Oberschule in Damsdorf. Auftrittsverbot als Büttenredner im Karnevalsverein, politische Querelen um die brutale Niederschlagung der Studentenunruhen in China, Forderung nach Glasnost und Perestroika machen ihm das Leben in der DDR immer unerträglicher. 1989 verläßt er mit seiner Familie per Ausreiseantrag die DDR und zieht in die Bundesrepublik. 1991 kehr er nach Lehnin zurück und übernimmt als Schulleiter die Realschule Damsdorf, wo er noch heute als Schulleiter tätig ist. Wegen der brisanten Thematik „Jugendwerkhof“, die er in mehreren Manuskripten niederschrieb, wurden auf ihn 12 IMs angesetzt. Man befürchtete, daß er Manuskripte in den Westen schmuggeln würde. Die zu realistischen Schilderungen über das Leben in einem Jugendwerkhof durften von DDR-Verlagen nicht veröffentlicht werden.
Bisherige Veröffentlichungen: Zwei Kurzgeschichten (Evangelische Verlagsanstalt Berlin, St.-Benno-Verlag Leipzig) / Die DAFA und das ZDF drehten 1991 nach seiner Erzählung den Spielfilm „Jana und Jan“, Verflucht, gehaßt und abgeschoben (edition belletriste, Berlin 2002).

Leseprobe

Betont langsam, so als wolle er für Veit Zeit rausschinden, steigt der Fahrer aus, geht gemächlich an das Tor, hält noch einmal inne, bevor er auf den Klingelknopf drückt. Durch einen Lautsprecher tönt eine unangenehme, knarrende Stimme, der jedes Wort zu viel zu sein scheint: „Wer ist da?“ Der Fahrer nennt den Werkhof und meldet Veit Rißke an. Dann steigt er wieder in den Wagen. Mit blechernem Gedröhne schiebt sich das gewaltige Tor mit den vielen Roststellen zur Seite und gibt den Blick frei auf eine weitere, gleich hohe, schmutzig graue Mauer, an der an vielen Stellen der Putz abgebröckelt ist. In der Mitte ebenfalls ein graues Eisentor. Langsam fährt der Moskwitsch in die Schleuse. Auf ächzenden, quietschenden Rollen schließt sich hinter ihnen das Tor. Veit kommt sich vor, als säße er nun endgültig in der Falle. Das Auto hält. Der Motor wird abgestellt. Sie warten. Veits Blick geht unruhig und neugierig hin und her. In seinem aufgewühlten Gehirn dreht sich alles um eine Fluchtmöglichkeit. Noch ehe dieser Gedanke aufgekeimt ist, wird er von der Wirklichkeit brutal zerstört. Alle Fenster sind vergittert. Türen mit nicht zu knackenden Schlössern. Blitzableiter und Fallrohre sind noch mit Stacheldraht umwickelt. Mächtige Scheinwerfer sind drohend in den Hof gerichtet. Bei diesem Anblick kommen ihm unwillkürlich Gedanken an ein Konzentrationslager aus dem Buch „Nackt unter Wölfen“ in den Sinn. Und er graut sich vor dem, was ihn ab jetzt erwartet. Er denkt an die Mutter, an seine Katrin und sehnt sich schon jetzt nach seinem Werkhof zurück. Schließlich öffnet sich eine Tür im Gebäude auf der linken Seite.
Ein bulliger Kerl mit einem Stiernacken, Igelschnitt und von mindestens hundert Kilo Körpergewicht kommt auf den Moskwitsch zu. In der rechten Hand hält er ein riesiges Schlüsselbund. Jetzt springt Sandler, der ebenfalls vom Anblick der Schleuse hypnotisiert war, aus dem Auto. Er hält die Papiere zur Überführung in der Hand. Er ringt sich ein freundliches „Guten Tag!“ ab, worauf der Kerl, der sich als Erzieher Knuppig vorstellt, mürrisch entgegnet: „Mitkommen!“ Im ebenso mürrischen Dienstton fragt er: „Wer ist die Frau?“ Sandler schwindelt rasch: „Eine Erzieherin.“ Er weiß, dass seine Frau gern mehr sehen möchte von diesem berüchtigten Torgau. Doch diese Hoffnung zerplatzt, als Knuppig sagt: „Sie halten sich im Besucherraum auf! Folgen Sie mir!“ Veit wird von Sandler und dem Fahrer in die Mitte genommen. Vorn geht Knuppig mit dem Schlüsselbund. Hinter ihm Frau Sandler. Dann folgt Veit in der Mitte seiner Begleiter. Eine Totenstille liegt über dem riesigen, langgezogenen Gebäude mit dem schmalen, rechteckigen Hof. Für Veit eine unheimliche Stille. Kein gewohntes Jugendleben ist zu spüren. Dunkle, düstere Fenster hinter Gittern überall. Veit kommt es so vor, als sei er der einzige Insasse hier, als könne man den Schlag seines rasenden Herzens hören.
Knuppig öffnet für Frau Sandler eine Tür und sagt: „Warten Sie hier!“ Es ist ein kahler, ungemütlicher Raum mit alten Holztischen und Holzstühlen. Veit riskiert einen Blick in den unfreundlichen Besucherraum und schüttelt sich bei dem Gedanken, hier seine Katrin sehen zu dürfen. Er und seine Begleiter werden von dem bulligen Erzieher in einen anderen Raum geführt. Auch dieser Raum hat kahle, grau getünchte Wände und karges Mobiliar. Noch steht Veit zwischen Sandler und Malte und fühlt sich von beiden irgendwie beschützt. Doch dann brüllt ihn Knuppig an: „Nimm Haltung an! Guck nach unten! Aber fix!“ Veit zuckt zusammen, spürt in sich Abwehr aufkommen, stellt sich aber etwas gerader hin. Da trifft ihn ein eisiger, fast brutaler Blick von Knuppig. Und er schreit Veit noch lauter an: „Stramme Haltung! Und glotz nach unten! Wir sind hier nicht im Sanatorium!“ Dann betritt ein anderer Mann den Raum, stellt sich als Direktor vor, mustert Veit mit prüfendem Blick und meint zynisch: „Ach, das ist der Aufrührer, der andere aufputscht zur Arbeitsverweigerung. Na, hier wird dir das Aufwiegeln vergehen. Hier wird gearbeitet und nach sozialistischen Normen gelebt. Aus dir machen wir ein vollwertiges Mitglied unserer sozialistischen Gesellschaft und einen bewussten Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik. Kollege Knuppig, übernehmen sie den Jugendlichen Rißke!“ Während der Direktor und Sandler die Formalitäten der Übergabe erledigen, hat Knuppig Veit bereits unter seinen pädagogischen Fittichen. Er schließt eine Tür auf, kommandiert:„Rißke, still gestanden! Arme anwinkeln! Im Laufschritt, marsch! Los! Los! Nicht mehr umdreh’n!“ Als Veit an der Tür doch noch einen Blick zu Sandler werfen möchte, trifft ihn ein harter Schlag des Schlüsselbundes in die Rippen. Er jappst nach Luft. Knuppig brüllt: „Im Laufschritt, habe ich gesagt. Bist wohl schwerhörig, was? Ab jetzt wirst du nur noch die Ohren spitzen, damit dir kein einziges Kommando entgeht! Nur so kommst du hier über die Runden! Verstanden? Ich höre: Ja, verstanden, Herr Knuppig!“ Veit atmet vor Erregung und Schmerzen schwer und keucht: „Ja ... ver... verstan...den ... Herr ... Herr ...“ „Knuppig!“ dröhnt ihm die Stimme des Erziehers entgegen. Veit wiederholt: „Herr Knuppig!“ Dann fällt hinter ihm die schwere, eiserne Tür ins Schloss.
Sandler will nicht glauben, was er soeben erlebt hat. Sprachlos wendet er sich zu Malte. Der hebt und senkt seine Schultern und bedeutet ihm mit einem Blick: Was soll man da machen? Hier ist man machtlos. Der Direktor hat es eilig und sagt hastig: „Wiedersehen!“ Er hält beiden die Tür auf. Dann holt er noch Frau Sandler aus dem Besucherraum, führt alle drei auf den Hof zum Moskwitsch. Das Tor öffnet sich. Rückwärts steuert Malte sein Auto vom Gelände, das von den Sandlers mit wachem Blick in ihre Erinnerung gesogen wird. Noch einmal schauen sie auf den großen Spiegel am Fenster des Direktors, in dem er den gesamten Schleusenbereich beobachten kann. Frau Sandler meint spöttisch: „Der Direktor hat seinen Spion am Fenster. Dem entgeht keine Fliege, die rein- oder rausfliegt.“
Knuppig führt Veit in einen anderen Raum und sagt: „Du wartest hier in strammer Haltung, bis du geholt wirst! Verstanden?“ Veit hat jetzt schon das Prinzip des Gehorsams begriffen und entgegnet ohne Zeitverzug in militärischem Ton: „Ja, verstanden, Herr Knuppig!“ Lange Minuten vergehen. Veit steht in strammer Haltung, denn er glaubt, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Sein Rücken ist der Tür zugekehrt. Das hat Knuppig angeordnet. Und Veit stellt fest, dass er vom ersten Augenblick an seine Ohren gespitzt hat, um zu horchen, wenn die Tür aufgeschlossen wird. Denn Knuppig ist eine lasche Haltung ein Gräuel. Das hat Veit begriffen. Sein Blick ist auf die Wand gegenüber gerichtet. Sie ist ekelhaft grau, hat Risse im Putz und bräunliche Flecke. Veit folgt mit den Augen den Rissen im Zickzack. Er zählt die bräunlichen Flecken. Hin und wieder vernimmt er das Krachen einer Eisentür oder das Klirren eines Schlüsselbundes. Dann zuckt er zusammen, hält den Atem an, lauscht auf weitere Geräusche. Manchmal wankt er ein wenig hin und her. Manchmal knicken ihm die Beine ein, hängen ihm die Schultern ermüdet herunter. Aber bei jedem Geräusch spitzt er seine Ohren und erwartet in strammer Haltung den Erzieher, der ihn aus dieser Lage erlösen soll. Über zwei Stunden verharrt er in dieser Stellung. Allmählich sehnt er sich sogar nach dem bulligen, brutalen Knuppig, denn nur er kann ihn aus dieser misslichen Situation befreien. Doch Knuppig ist weit entfernt, wird sich an anderen Jugendlichen pädagogisch austoben, sagt sich Veit und ist doch wieder froh, für sich allein zu sein. Die Augenlider klappen ihm immer häufiger zu. Plötzlich dreht sich hinter ihm ein Schlüssel im Schloss. Knarrend öffnet sich die Tür. Veit strafft angestrengt seinen Körper. Hinter ihm faucht ihn Knuppig an: „Wo bleibt die Meldung?“ Veit stammelt: „Melde, Veit ... Rißke, äh ... angetreten im Zimmer!“ Knuppig murrt: „Na, wirste auch noch lernen. Mitkommen! Im Laufschritt, marsch!“ Mit angewinkelten Armen folgt er dem Erzieher. Es geht zur Kleiderkammer.
Eingeschüchtert, ja verängstigt steht Veit Rißke, der selbst ernannte Prometheus im Sozialismus, splitternackt in der Kleiderkammer und wartet und wartet. Seine Kleidung, seine Armbanduhr, den Inhalt seiner Hosentaschen musste er auf einen Tisch legen. Das war vor gut zwanzig Minuten. Seitdem steht er, in der unangenehmen Kühle bibbernd, in der Mitte des Raumes. Schamhaft bedecken seine Hände sein Geschlechtsteil. Doch Knuppig hat ihn auch hier im Griff, wenn er brüllt: „Wo sind die Hände bei strammer Haltung?“ Dann entblößt Veit sein Geschlechtsteil vor den Augen der Leute, die nach seinem Empfinden besonders oft durch den Raum gehen. Sein Gesicht glüht vor Scham. Sein ganzer Körper brennt vor Pein. Seine Augen suchen verzweifelt nach irgendeinem Halt, an dem sie sich festklammern können. Nachdem ihn etliche Neugierige mit spöttischem Blick inspiziert haben, dabei mühsam manche Redensart unterdrückend, denn sprechen ist niemandem der Insassen erlaubt, kommt Knuppig zurück und fordert ihn auf: „Los, aufstell’n zur Leibesvisitation! Beine breit! Arme nach oben!“ Veit geniert sich, zögert einen Moment. Da stößt ihm der Erzieher abermals den Schlüssel in die Seite und schlägt mit seinem Schuhabsatz gegen Veits Innenknöchel. Der Schmerz macht gefügig. Widerwillig gehorcht Veit. Knuppig kommt mit seinem Gesicht so dicht an Veit heran, dass er sich vor dessen Nikotinatem zu ekeln beginnt. Knuppig sucht nach versteckten Tätowierungen. Hakenkreuze oder SS-Runen sind besonders staatsfeindlich und müssen aus dem Körper gebrannt werden. Aber auch das Kreuz mit dem Herz und den Buchstaben K.S. an Veits linkem Oberarm ist Knuppig Anlass genug, ein Meldeformular über die Tätowierung auszufüllen. Er fragt Veit: „Biste etwa kirchlich angehaucht? Betest wohl vor dem Einschlafen? Na ja, mit deinem Abzeichen Schwerter zu Pflugscharen hast du ja deine staatsfeindliche Einstellung bewiesen. Solche Gesinnung hat hier bei uns keine Chancen. Wir entlarven jeden Klassenfeind, jeden Konterrevolutionär! Merk dir das! Und der Mist auf deinem Arm wird entfernt! Klar?“ Veit steht noch mit erhobenen Händen und erwidert: „Klar! Wird entfernt, Herr Knuppig!“ Knuppig reicht das noch nicht und er fragt: „Was wird entfernt?“ Veit antwortet: „Der Mist, Herr Knuppig!“ Knuppig fragt: „Was für Mist?“ Veit antwortet: „Das Kreuz, Herr Knuppig!“ Der Erzieher ist auf seinen raschen Erziehungserfolg stolz und überzeugt, diesen als hartgesotten bezeichneten Burschen bald umerzogen zu haben. Dann ruft er in einen Nebenraum: „Kleidung für den Neuzugang!“ Noch steht Veit nackend in strammer Haltung. Endlich darf er sich auf Knuppigs Befehl ankleiden. Veit atmet erleichtert auf und hofft, die schlimmste Tortur überstanden zu haben. Doch bald erkennt er seinen gewaltigen Irrtum. Kaum hat sich Veit die Schuhe ohne Schnürsenkel übergezogen, da heißt es für ihn wieder: „Still gestanden! In den Zugangsraum! Im Laufschritt, marsch!“ Wieder folgt der Neuzugang dem Erzieher. Vor einer Eisentür mit einem Guckloch bleiben sie stehen. Knuppig öffnet ein Schloss, schiebt den Riegel beiseite und öffnet die Tür. „Eintreten!“ fordert Knuppig. Veit macht einen Schritt auf die offene Tür zu, prallt zurück, will sich widersetzen und bleibt stehen. Da packt ihn Knuppig, knufft ihm in den Rücken und stößt ihn in die Einzelarrestzelle. „Ist doch wie im Interhotel“, höhnt Knuppig und fügt hinzu: „Jeder Neuzugang braucht einige Tage zur Eingewöhnung und zum Nachdenken.“ Veit steht in einer kleinen, schmalen, düsteren Zelle. Ein miefiger, muffiger Geruch nach Körperdünsten und anderen Körperausscheidungen ruft in ihm ein Würgen hervor, das er vor Knuppig verbergen muss, will er nicht irgendwelchen Schikanen ausgesetzt sein. Unterhalb der Decke ist ein kleines, vergittertes Fenster. Knuppig sieht, dass der Neuzugang abgelenkt ist, dass er nicht zuhört und so brüllt er ihn an: „Hör zu! Zuerst lernst du die Hausordnung auswendig! Klappt das nicht, folgen Strafen! Verstanden?“ Veit antwortet nicht mehr ganz so forsch: „Ja, verstanden, Herr Knuppig!“ Der verlangt: „Hier, die Arrestordnung pauken! Ich frage dich in zwanzig Minuten danach ab.“ Der Erzieher verlässt die Zelle. Die schwere Tür wird laut geschlossen. Krachend schiebt sich der Riegel davor. Schritte entfernen sich. Veit kommt sich verlassen vor. Eine Holzpritsche und ein Kübel für die Notdurft gehören zum Inventar. Ihm ist, als hätte er einen grässlichen Traum, als sei alles nicht wahr. In der Hand hält er die Arrestordnung. Er stiert auf die Wörter, ohne ihren Sinn zu erfassen. Aber sie sind Realität, seine Realität. Für wie lange? Er weiß es nicht. Niemand hat ihm bisher gesagt, wie lange er in diesem geschlossenen Werkhof bleiben muss. Das macht ihn mürbe. Auf einmal scheint ihm der Erzieher Knuppig unendlich weit entrückt. Der kann ihm keine Angst einjagen. Veit wirft die Arrestordnung auf die Pritsche. An den Wänden hat er Interessanteres entdeckt. In die Ölfarbe sind Inschriften geritzt. Veit liest die zum Teil noch gut leserlichen Hilfeschreie: „Den Menschen die Freiheit, der Blume das Licht! Ich halt das nicht mehr aus! Ich will hier raus! Hitler mein Vorbild, nicht mein ist Lenin! Mutti, bitte weine nicht! Gott gib mir Kraft!“ Lange Gedichte verewigen seelische Turbulenzen und ungestillte Sehnsucht. Veit ist erschüttert. Da rasselt das Schlüsselbund. Wuchtig wird der Riegel geschoben. Veit grapscht nach dem Papier. In strammer Haltung erwartet er Knuppig. Er quält sich für ihn ein schiefes Lächeln ab. Seine Lippen bleiben geschlossen. Da gerät Knuppig in Zorn. Er packt Veit an der Brust, rüttelt ihn und flucht:„Wo bleibt die Meldung? Hast du nicht alles auswendig gelernt, du Assi, du stinkender Hund? Sofort einen Torgauer Dreier! Aber dalli!“ Da Veit ihn fragend anguckt, wird Knuppig noch wütender. Er packt Veit ins Genick, drückt ihn auf den Erdboden und befiehlt: „Los! Liegestütze, Kniebeugen, Hockstrecksprünge. Und damit du kapierst, wie es hier läuft, von jedem fünfzig! Ich zähle. Los!“ Veit liegt im Liegestütz. Knuppig zählt laut und schnell. Veit muss tüchtig pumpen, gerät ins Schwitzen und außer Atem. Er will durchhalten, nicht aufgeben, dem Schinder keinen Grund zur Schikane liefern. Den großen Schlüssel hält Knuppig in der Höhe, dass Veits Rücken bei gestreckten Armen diesen berührt. Das verlangt Knuppig von einem exakt ausgeführten Liegestütz. Jedes Mal bohrt er den Schlüssel absichtlich in Veits Rücken. Der empfundene Schmerz bohrt sich in Veits Seele und schürt in ihm Hass gegenüber diesem Mann, der Genugtuung spürt, wenn er Wehrlose quälen kann. Genauso hasst er aber auch unterwürfiges Winseln. Deshalb kämpft er verbissen gegen Schmerzen und Überanstrengung an, obwohl ihm schwarz vor Augen wird. Die letzten Hockstrecksprünge schafft er mit letzter Kraft und auf wackligen Füßen. Knuppig zählt: „Dreiundvierzig, vierundvierzig, fünf...“ Veit hechelt: „Ich kann nicht mehr!“ „Schnauze! Es wird nicht gesprochen!“ schreit Knuppig. Beim siebenundvierzigsten Hockstrecksprung wird Veit schwindelig. Er strauchelt, fällt nach vorn. Im Fallen greifen seine Hände nach Knuppigs Jackett. Knuppig stößt ihn von sich und brüllt: „Bist du wahnsinnig?“ Veit kippt nach hinten, stürzt rücklings auf die Pritsche und knallt mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Knuppig, rasend vor Wut, zerrt ihn hoch: „Haltung annehmen!“ Durch einen verschleierten Blick nimmt Veit erstmals das Gesicht von Knuppig wahr. Es ist aufgedunsen wie bei einem Säufer. Die dicke Nase ist porig. Seine graugrünen Augen schauen ihn giftig an. „Glotz nach unten!“ faucht er Veit an, der sich kaum auf den Beinen halten kann. Dann packt Knuppig ihn am Kragen und schüttelt ihn: „Wer hat dir erlaubt, mich anzuglotzen? Kennst unsere Hausordnung noch nicht? Ihr Assis habt immer nach unten zu gucken, verdammt!“ Alle Glieder schlottern an Veit. Ihm ist es jetzt egal, was dieser Schinder noch mit ihm anstellt. Nur endlich Ruhe haben! Das ist momentan sein größtes Verlangen. Er ist sich bewusst, dass er dem Erzieher alles recht machen muss, damit der von ihm ablässt. Also steht er stramm so gut er kann, senkt seinen Blick ehrfurchtsvoll nach unten. Nur seine Lungen drohen zu platzen, so sehr muss er schnaufen. Knuppig steht breitbeinig vor ihm, als er verlauten lässt: „Du hast etliche Verstöße gegen die Arrestordnung auf deinem Konto. Dein Aufenthalt im Zugangsraum wird von drei auf fünf Tage erhöht. Solche Querulanten wie dich kriegen wir bald klein.“ Er wirft ihm die Hausordnung auf die Pritsche: „Bläu dir das in deine Birne! Im Stehen! Wenn du sie auswendig kannst, dann stell ich dir als Belohnung einen Hocker rein. Dann darfst auch mal darauf sitzen.“ Er sagt das mit einem sarkastischen Grinsen und verlässt die Zelle.
Veit hat sich leidlich erholt, geht in der Zelle auf und ab und lernt den Text auswendig, indem er ihn immer wieder laut aufsagt. Da öffnet sich das Guckloch. Knuppigs Stimme dröhnt in die Zelle hinein: „Nicht quatschen, verdammt nochmal!“ Veit verstummt sofort. Die Klappe wird wieder zugeschlagen. Immer wieder betet er den Text, nun aber leise, vor sich hin. So vergeht geraume Zeit. Da Veit das Zeitgefühl abhanden gekommen ist, weiß er nicht genau, wie lange er lernen durfte. Als aber Knuppig wieder auftaucht, ihm das Nachthemd auf die Pritsche wirft, ahnt er, dass es schon sehr spät sein muss. Mit sich überschlagender Stimme rasselt er die Meldung runter:„Melde: Veit Rißke! Fünf Tage Zugangsraum! Grund: Neuzugang! Eingewöhnung!“ Knuppig ist zufrieden: „Na siehste, kannst es doch. Musst aber erst Papa Knuppig ärgern, was? Alle Vergünstigungen wie Waschen und Essen sind heute gestrichen! Ausziehen! Alles!“ Veit pariert diesmal ohne jeglichen inneren Ansturm der Empörung. Er spürt einen gierigen Blick des Mannes auf seinen nackten Körper und beeilt sich, das Nachthemd überzustreifen. Knuppig gönnt sich gern den Anblick junger Haut. In nächtlichen Phantasien kramt sein dumpfes Gehirn Bilder seiner duschenden Jungen hervor, die ihm nicht selten minutenlangen Spaß bereiten. Ein tiefes Aufatmen entspannt Veits Körper und geschundene Seele, als Knuppig von draußen den Riegel vorschiebt. Veit faltet die Hände und flüstert leise vor sich hin: „Lieber Gott, lass diesen Schinder sobald nicht wieder in meine Zelle kommen! Der bringt mich noch um!“ Und Gott muss ihn erhört haben, muss ihm wohl gesonnen sein. Knuppig lässt sich nicht mehr blicken. Unerträgliche Alpträume quälen ihn fast die ganze Nacht. Immer wieder schreckt er schweißgebadet hoch. Dann liegt er lange wach. Ihn plagt eine große Sehnsucht nach seiner Katrin und seiner Mutter. Ununterbrochen murmelt er im Halbschlaf den Text der Arrest- und Hausordnung vor sich hin – auf der harten Pritsche mit nur zwei miefigen Wolldecken.
Um 5.30 Uhr ist Wecken. Knuppig schließt die Tür auf. Veit springt von der Pritsche, macht eine zackige Meldung. Knuppig lässt seinen prüfenden Blick durch die Zelle schweifen und sagt: „Arrestordnung aufsagen!“ Veit überstürzt sich vor lauter Eifer, denn er will den Knuppig nicht erzürnen: „Verboten ist: Singen und Pfeifen! Das Lärmen! Herausschauen aus dem Fenster! Benutzen der Lagerstätte außerhalb der Nachtruhe! Besitz von Büchern, Zeitungen, Bleistiften und dergleichen! Beschmieren und Beschriften der Wände und Türen! Jede Art der Unterhaltung mit anderen Jugendlichen! Weiterhin sind folgende Anordnungen zu befolgen ...“ Daraufhin betet Veit sämtliche Punkte herunter, was Knuppig augenscheinlich höchst zufrieden stellt, denn er sagt: „Na also, auch du bist beugsam zu machen. Mein Erziehungserfolg. Du wirst noch einmal froh und dankbar sein, mich kennen gelernt zu haben. Den Papa Knuppig vergisst so schnell keiner! Das schwör’ ich dir! Kübel entleeren! Waschen! Los!“
Nach vier Tagen kommt Veit wegen guten Gehorsams nun doch früher aus dem Zugangsraum heraus. Er wird in einen Raum gesperrt und muss mit einem Bleistift einen Brief an seine Mutter schreiben und ihr die Gründe seiner Einweisung nach Torgau mitteilen. So berichtet er von den Vorkommnissen im Jugendwerkhof, von der von ihm angezettelten Meuterei. Zudem drängt es ihn, seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen. Er kann und will sie nicht unterdrücken. Und so fließen manche Abscheulichkeiten aus ihm heraus und ungefiltert auf das vor ihm liegende Papier. Zum Schluss ein Gruß an seine Katrin. Dann faltet er den Brief zusammen, berührt ihn mit den Lippen und will ihn in ein Kuvert stecken, das er aber nicht vorfindet. Die Tür wird aufgeschlossen. Veit schnellt hoch, steht stramm, macht Meldung. Knuppig reißt ihm den Brief aus den Händen und fährt ihn an: „Du Idiot! Warum faltest du den Brief?“ Hastig faltet er den Brief wieder auseinander, überfliegt die Zeilen und klatscht dann seine rechte flache Hand derb gegen Veits Stirn, dass der zwei Schritte nach hinten macht: „Bist du so blöd? Kapierst du immer noch nicht, dass du hier in Torgau bist? Was soll diese Gefühlsduselei, diese Wimmerei? Hier geht es dir bestens. Nur das hast du deiner Mama mitzuteilen, damit sie keinen Heulkrampf kriegt, die Arme! Und – hast wohl gleich ‘n Orgasmus in der Hose, wenn du liebe Grüße an deine Schnalle schickst, was?“ Knuppig zerreißt den Brief, legt ihm ein neues Blatt hin und diktiert, was er der Mutter zu schreiben hat. Das bereits beschriftete Kuvert hat er bei sich. Den Gruß an die Mutter schafft Veit gerade noch. Schon nimmt ihm Knuppig das Blatt weg, knifft es und tut es ins Kuvert. Dann steckt er den Brief in seine Jackentasche. Veit steht sogleich stramm neben dem Tisch, den Blick gesenkt.
Knuppig verkündet ihm, dass er ihn jetzt zum Heimarzt bringe, der zwar kein Chirurg sei, aber sich bestens mit der Entfernung von Tätowierungen auskenne. Er sagt: „Das idiotische Kreuz und der andere Mist müssen doch weg. Das verunstaltet dich ja nur.“ In seinem Tonfall erkennt Veit wohl, dass er innerlich frohlockt, ihm eins auswischen zu können. Im Laufschritt folgt er Knuppig über Treppen und Flure, durch Gittertüren und Schleusen. Eisen klirrt, klappert und dröhnt durch das ganze Gebäude, dessen Gefängnischarakter er jetzt erst so richtig wahrnimmt. Ein heftiges Schaudern erfasst seinen Körper. Immer wieder fällt sein Blick auf das riesige Schlüsselbund, das an Knuppigs rechter Hand baumelt. Das Arztzimmer ist schlicht eingerichtet, ähnelt kaum einem richtigen Sprechzimmer. Hinter einem alten Schreibtisch sitzt ein Mann im weißen Kittel. Sein Gesicht sieht arg zerknittert und misslaunig aus. Mehr kann sich Veit nicht einprägen, denn Knuppig, der hinter ihm steht, bufft ihm in den Rücken: „Kopf runter!“ Dann muss er den Oberkörper entblößen. Ihm wird ein Platz auf einem Stuhl zugewiesen. Der Arzt beguckt sich die Tätowierung, misst sie mit einem Lineal und sagt lakonisch und abfällig: „Zwei mal zwei Zentimeter. Ein Kreuz. Bist wohl heilig? Na ja, kriegen wir schon weg. Leg’ mal den Unterarm auf den Tisch!“ Veit gehorcht, obwohl ihm sehr mulmig zumute ist. Besorgt fragt er sich: Wird es pieken? Wird es wehtun? Was macht der jetzt? Und die letzte Frage bleibt das Geheimnis des Doktors. Denn Knuppig, der assistiert, stellt sich so, dass er Veit jegliche Sicht versperrt. Mit der einen Hand packt er Veits Unterarm und mit der anderen sein Ellenbogengelenk, so dass Veit seinen Arm um keinen Millimeter bewegen kann. Dann beginnt der Doktor seine Bereinigungsaktion, wie er es selbst bezeichnet. Irgendetwas presst er gegen Veits Oberarm. Es schmerzt fürchterlich. Es brennt. Veit ruckt, zieht und zerrt am fest umklammerten Arm, wirft vor Schmerzen seinen Kopf wild hin und her. Ohne jegliche Betäubung wendet der Doktor seine eigene Praxis an, Tätowierungen wegzuätzen. Veit strampelt mit den Füßen, schreit jämmerlich. Aber der Doktor und sein Assistent ignorieren sein Gebrüll. Die Fenster sind dicht, die Türen verschlossen. Wer hört schon Veits Geschrei? Wer stört sich schon daran? Hier im Torgauer Knast ist alles perfekt, was totale Abschirmung betrifft. Hier dringt kein Schrei nach draußen. Und wenn doch? Wer will ihn schon hören? Ein sozialistisches Prinzip besagt: Asoziale gehören hinter Gitter und Mauern! Was kümmern einen da schon die höllischen Schmerzen eines Veit Rißkes, der nur von einer Körperverschandelung befreit werden muss? Die Tortur dauert über zwanzig Minuten. Dann verdeckt der Doktor mit einem großen Pflaster sein Werk. Knuppig gibt Veits Arm frei. Der hockt zusammengesackt auf dem Stuhl und ist einer Ohnmacht nahe. Ihm ist speiübel. Sein Gehirn ist total verworren. Man flößt ihm Wasser ein, klatscht mit flachen Händen auf seine Wangen. Knuppig sagt: „Bengel, nun mach nicht schlapp! Sei ein Kerl.“ Er zieht ihn vom Stuhl, will ihn auf die schlackerigen Beine stellen. Aber die knicken Veit immer wieder weg, so dass er nicht hochkommt vom Stuhl. Knuppig meint: „Doktor lass ihn sitzen! Ich erledige gleich den Haarschnitt.“ Aus einem Kasten nimmt er Kamm und Schere und schnippelt drauflos. Veits schwarzen Haare fallen auf den Boden. In seinem Dämmerzustand bekommt er das Geschehen gar nicht mit und ist entsetzt, als er sich mit der Hand über den kahlen Kopf streicht.
In der Anstaltskleidung, blaue Kombi, Fleischerhemd und Arbeitsschuhe folgt er Knuppig über Eisentreppen durch Gittertüren mit wuchtigen Schlössern und durch Flure vorbei an ausbruchsicheren Zellentüren. Ihre Schritte hallen laut von den Wänden wider. Das Klappern der Schlüssel, das Knirschen der Schlüssel in den Schlössern, das klirrende Zuknallen der Gittertüren, all das ritzt tiefe Spuren in Veits Gedächtnis und in seine Seele. Hier gibt es kein Entrinnen! stellt Veit mit großer Betroffenheit fest. Knuppig bleibt vor einer Tür stehen, steckt den Schlüssel ins Schloss, öffnet die dicke, holzwandige Tür mit den Eisenbeschlägen. Veit atmet tief durch. Nach Tagen trifft er erstmals auf Jungen, die wie er hier einsitzen müssen, die eingesperrt sind wie Schwerverbrecher, hinter hohen Mauern, Gitter und Stacheldraht, bewacht vom Wachpersonal, von Hunden an der Laufleine und von grellem Scheinwerferlicht. Aber er ist nicht aufgeregt, er ist gar nichts. Seit Betreten dieses Geländes ist sein Ich verstummt, ist er systematisch auf den Wert einer Laus geschrumpft. Nichts in ihm brodelt mehr. Kein Funken ist mehr da, der ihn wie früher zu einer lodernden Fackel entzünden könnte. Veit Rißke ist besiegt, ist für alle tot, schweigt endgültig. So scheint es jedenfalls, als er ohne jegliche innere Regung den Raum betritt, aus welchem ihn neugierige Augen anstarren. Augen, deren Blicke irgendwie Kümmernis ausdrücken anstatt jugendlichen Übermut und überschwängliche Lebenslust. Das Schweigen geht ihm durch Mark und Bein. Eine Friedhofsstille schlägt ihm entgegen. Und er wundert sich, dass ihn kein gewohntes Willkommensgeschrei empfängt. Nach einem kurzen Mustern des Neuzugangs arbeiten die Jungen emsig weiter, denn ein Mann brüllt durch den Raum: „Gafft nicht, ihr Faulpelze! Arbeitet! Denkt an die Lohngruppe!“ Der Brüller wird ihm als der Arbeitserzieher Frenzel vorgestellt. Frenzel sieht aus wie kurz vor der Rente, hat ein runzliges Gesicht und ist wortkarg. Er bringt Veit zu einer Bohrmaschine, zeigt ihm die Blechstücke, auf denen Stellen angekörnt sind, gibt dem Neuen Arbeitshandschuhe und macht ihm vor, wo und wie er Löcher zu bohren hat. Veit kapiert, was von ihm verlangt wird und legt los. An der Werkbank neben ihm steht ein Junge, von dem sein Blick nicht ablassen kann. Er ist klein, schmächtig und sieht insgesamt zierlich wie ein Mädchen aus. Sein ebenmäßiges Gesicht mit der glatten, rosigen Haut ist fast zu schön für einen Jungen, stellt Veit fest und erinnert sich an seine Katrin. Hin und wieder gleitet sein Blick zu diesem Jungen hinüber, der ebenfalls ab und an neugierige Blicke zu ihm hinüberwirft. Veit spürt das Verlangen, mit einem seines Alters sprechen zu müssen. Und er fragt: „Biste schon lange hier?“ Ehe er eine Antwort bekommen kann, wird er vom Arbeitserzieher angeschnauzt: „Hier wird nicht gequatscht! Los, dreimal den Torgauer Dreier à fünfzig!“ Sein schweres Schlüsselbund trifft Veit schmerzhaft an der Schläfe. Für einen Augenblick wird ihm schwarz vor den Augen. Durch eine breite Schürfwunde sickert ein wenig Blut. Frenzel fordert: „Bring das Schlüsselbund her! Aber dalli!“ Veit wischt sich mit dem Handrücken über die Schramme, bückt sich, hebt das Schlüsselbund auf und geht zum Arbeitserzieher. Auf einmal ist sein Schritt wieder fest, sein Körper bebt vor Zorn, den er über seine Füße in den Beton stampft. Seine Augen funkeln wild, zeugen von seinem Hass gegenüber diesem Mann, dem er nun das Schlüsselbund auf den Tisch knallt. Plötzlich ist Frenzel nicht wohl in seiner Haut, als er den zu allem entschlossenen Jungen vor sich stehen sieht. Seine rechte Hand zieht bereits das Schubfach auf, in welchem der Schlagstock liegt. Veits Backenknochen bewegen sich. Seine Augen ziehen sich zu einem Schlitz zusammen. Im Raum herrscht eine knisternde Spannung. Keiner macht einen Handgriff. Keiner wagt zu atmen. Alle Jungen starren gebannt auf die beiden. Frenzel weiß, dass er am Zuge ist, dass er handeln muss, will er keine Schlappe einstecken vor den Jungen. So sagt er bestimmend: „Gib mir das Schlüsselbund in die Hand!“ Veit hat ihn noch immer mit scharfem Blick ins Auge gefasst. Da holt Frenzel den Schlagstock hervor, schlägt ihn drohend in die linke Hand. Mit überlegenem Grinsen sagt er: „Willst gleich am ersten Tag anecken? Kannste haben.“ Und er schlägt sich den Schlagstock noch kräftiger in die Hand. Veit jagen die Erlebnisse der letzten Tage durch den Kopf. So zieht er es lieber vor, nicht den Helden zu markieren. Er nimmt das Schlüsselbund vom Tisch und legt es in Frenzels über den Tisch ausgestreckte Hand. Frenzels Gesicht legt sich in tausend Falten, als er sagt: „Den Dreier! Dann an die Arbeit! Minuspunkt wegen Aufsässigkeit. Damit du begreifst, wie es hier lang geht.“ Wortlos führt er den Torgauer Dreier aus, bis ihm die Muskeln zu bersten und die Lungen zu platzen drohen.
Nach Arbeitsschluss bekommt Veit die mieseste Lohngruppe eins eingetragen. Außerdem macht Frenzel gegenüber Knuppig Meldung über dessen Verhalten. Knuppig verspricht: „Den mach ich auf der Sturmbahn alle. Kannste mir glauben.“ Im Laufschritt lässt er die Jungen antreten: „Duschen später! Marsch zur GST-Ausbildung!“ Mit angewinkelten Unterarmen rennen sie die Treppen hinunter auf den Hof. Dort befindet sich eine Sturmbahn. Knuppig hält die Stoppuhr in der Hand, gibt das Kommando: „Der Neuzugang zur Startlinie! Und – fertig, los!“ Veit bietet all seine Kräfte auf, überwindet geschickt die Hindernisse. Ausgepumpt wirft er sich über die Ziellinie. Er hört das Klicken der Stoppuhr und weiß, dass er nicht schlecht gewesen sein kann. Doch Knuppig meint: „Hast keine Kondition, was? Bist weich wie ‘ne Pflaume, wie? Kein Mumm in den Knochen, was? Aber eine große Schnauze gegenüber dem Arbeitserzieher, ja?“ Veit merkt, dass ihn ein Bursche, den sie Haui nennen, dauernd mit den Augen fixiert. Ihm entgeht auch nicht, wie sich Knuppig mit diesem Burschen über Blicke und Gesten verständigt. Schließlich verlangt Knuppig: „Los, alle an die Startlinie!“ Zu zweit wird nun gestartet. Haui kommt auf Veit zu, packt ihn an der Binde und faucht ihn an: „Wenn du deinen Arsch nicht bewegst und wir deinetwegen dauernd über die Sturmbahn gescheucht werden, gibt’s heute Nacht ‘ne Abreibung. Klar?“ Haui ist ein kräftiger Bursche und um einen halben Kopf größer als Veit. Also ist die Hackordnung hergestellt. Haui ist außerdem Gruppenleiter, die rechte Hand des Erziehers. Er hat die Gruppe in Schach zu halten. Nun stehen beide als Rivalen nebeneinander an der Startlinie. Auf Knuppigs Kommando rennen sie los. Schon nach den ersten Metern hat Haui die Führung übernommen. Er ist in den zwei Monaten torgaumäßig gut durchtrainiert. Auch wenn Veit sämtliche Kräfte aufbietet, er kann mit Haui nicht mithalten. Hinter ihnen folgen die anderen. Knuppig ist noch nicht zufrieden mit dem Neuzugang. Noch einmal muss die ganze Gruppe über die Sturmbahn. Und noch einmal. Allmählich sinkt die Laune der anderen auf den Nullpunkt. Und Gemurre wird laut, Gemurre gegen den Neuzugang, der ihnen die Schinderei eingebrockt hat. Als sich der Ärger durch Meckern, Knuffen und Buffen gegenüber dem Neuzugang entlädt, ist Knuppig bereit, den Sport abzubrechen. Jetzt dürfen sie duschen gehen, natürlich im Laufschritt und ohne ein Wort. Im Duschraum stehen die Jungen unter der Dusche und warten, bis Knuppig im Nebenraum das Wasser aufdreht. Die Jungen drängeln sich unter den Duschen. Veit wird mutwillig angerempelt, geschubst und hin und wieder mit dem Fuß getreten. Ihm ist sofort klar, dass er hier nicht aufzumucken hat. Beim Abendessen sitzen sie dicht gedrängt auf Holzbänken. Das Brot ist alt, der lauwarme Tee kaum süß und die Leberwurst grau und schmierig. Veit stiert auf seinen Teller. Leberwurst ist ihm ein Gräuel. So schmiert er sich nur Margarine auf das Brot. Haui, der Gruppenleiter, sitzt ihm schräg gegenüber und fragt: „Warum frißte denn die Leberwurscht nicht, he? Bist wohl mäkelig? Bist solch Verwöhnter, he?“ Da kommt Knuppig an den Tisch und will wissen, weshalb Haui zu reden hat beim Essen. Haui erklärt ihm, dass der Neuzugang die Leberwurst verschmäht. Das passt Knuppig ganz und gar nicht. Er reißt Veit die Stulle aus der Hand, nimmt ein Messer und schmiert ihm die Leberwurst dick auf das Brot. Dann befiehlt er: „Maul auf!“ und schiebt ihm das Brot in den Mund: „Hier wird gefressen, was auf den Tisch kommt!“ Abwartend steht Knuppig neben ihm. Veit würgt sich den Bissen herunter. Ihm ist nach Brechen. Da schlägt ihm Knuppig derb mit der Hand auf den Rücken, so dass sich Veit verschluckt, zu husten beginnt und beinah zu ersticken droht. Da klopft ihm Knuppig mehrmals hintereinander auf den Rücken und meint schadenfroh: „Essen muss gelernt sein. Der Hunger treibt es schon rein!“ Veit hat nicht nur eine Sorge. Nicht nur, dass er sich übergeben muss, sondern der Tee drückt auf die Blase. Und irgendetwas in seinem Darm hat eine durchschlagende Wirkung. So fragt er leise an, ob er schnell mal auf die Toilette gehen dürfe. Da lacht Knuppig laut auf: „Dir platzen wohl die Därme? Hier gibt es nur kollektives Kacken! Verstanden?“ Die Jungen gucken in Veits verkniffenes Gesicht und grinsen hämisch. Veit hat zu tun, alles zu unterdrücken, was oben und unten rausdrängt. Ein heftiges Bauchkneifen macht ihm eine Gänsehaut. Um ihn herum wird tüchtig gefuttert. Arbeit und die Sturmbahn haben hungrig gemacht. Für Veit vergehen die unerträglichen Minuten zäh und im ständigen Kampf mit dem Darm. Endlich ruft Haui; „Essenfassen beenden!“ Schnell schieben sich einige noch die letzten Bissen in den Mund und schlürfen den Tee aus. Manche grapschen dem Nachbarn die Reste vom Teller, damit nichts umkommt und sie selbst gesättigt über die Nacht kommen. Vor dem Essenraum müssen sie wieder antreten. Knuppig sagt: „Jugendliche, die auf die Toilette müssen, einen Schritt vor!“
Veit kommt das wie eine große Erlösung, wie ein Geschenk vor. Sofort reiht er sich bei denen ein, die im Gänsemarsch zur Toilette marschieren. An der Spitze Knuppig mit dem gewaltigen Schlüsselbund. Er schließt die Tür auf. Die Jungen stürmen in den blau gefliesten Raum. Jeder will zuerst ein Klobecken erwischen. Wer keins abbekommt, muss im Raum warten, bis er an der Reihe ist. Nebeneinander stehen die weißen Becken mit den braunen Holzbrillen. Da Veit von den ersten hineingeschoben wird, hat er Glück und erwischt das letzte noch unbesetzte Becken. Zögernd steht er davor. Er schämt sich, vor allen seine Hose fallen zu lassen, sich aufs Becken zu hocken und unter den Augen und Ohren eines unerwünschten Publikums seine dringende Notdurft zu verrichten. Da schnauzt Knuppig ihn an: „Was ist? Ist dir das Kacken vergangen? Dann mach Platz für den nächsten!“ Schnell öffnet Veit die Hose, denn der Darm duldet keinen Aufschub. Die Hose lässt er aber nur soweit runterrutschen, dass keiner seine Blöße beäugeln kann. Er spürt wohl, dass alle Blicke auf ihn gerichtet sind, auf den Neuzugang, der mit den Klogepflogenheiten noch nicht vertraut ist. Unter üblichen Geräuschen entleert sich hemmungslos sein Darm. Lautes Gelächter und etliche gehässige Kommentare begleiten ihn bei seiner ersten kollektiven Notdurftverrichtung. Und das unter Aufsicht des Erziehers, der es sichtlich genießt, hier in dieser Einrichtung Herr über alles zu sein. Denn zynisch meint er: „Mir entgeht kein Furz! Merkt euch das!“ Dabei schaut er besonders Veit mit durchdringendem Blick an. Als sich alle unter Aufsicht Knuppigs gründlich entleert haben, treten sie wieder an und marschieren zu den anderen, die noch immer auf dem Flur warten.
Veit werden sein Zimmer und Bett zugeteilt. Im Schlafraum stehen Stahlrohrbetten und ein Kübel für die Notdurft in der Nacht. Veit schaut sich in dem unfreundlichen Raum um. Der ist düster, hat unter der Decke vergitterte Fenster. Zwölf Jungen schwitzen nachts ihre Dünste aus, haben im Traum ihre fantasievollen Ergüsse, benutzen im schummerigen Licht den Kübel für große und kleine Geschäfte. Als Veit seine Lage realistisch einschätzt, graust es ihn vor der Nacht. Einen Trost findet er dennoch. Über ihm schläft der zarte Junge mit dem mädchenhaften Aussehen. Abends, kurz vor neun Uhr, stehen die Jungen in ihren verwaschenen, ausgefransten Nachthemden an den Betten. „Durchzählen!“ befiehlt Knuppig. Es könnte sich ja jemand unerlaubt in Luft aufgelöst haben, denn eine Flucht ist bei den stets abgeschlossenen Türen und strengen Sicherheitsvorkehrungen wie im echten Knast nicht möglich. Knuppig lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen, brummelt so etwas wie: „Nacht!“, löscht das Licht, verlässt den Raum und schließt hinter sich die Tür zu. Er schaut noch einmal durch den Spion, denn das Scheinwerferlicht vom Hof erhellt den Raum ein wenig. Dann entfernen sich seine Schritte. Alle schweigen und lauschen. Später folgt ein wisperndes Getuschel. Manche wollen etwas über den Neuzugang erfahren. Jedoch Veit, durch Schikanen belehrt, will das Schweigegebot nicht brechen. So lässt er sich kaum ein Wort entlocken, was die Burschen sehr verärgert.
Um 5.30 Uhr schreckt ein harter Fußtritt gegen die Tür die Jungen aus dem Schlaf. Sofort sind sie aus den Betten, schlüpfen in die Turnschuhe und stehen in Turnhosen vor dem Bett. Als Knuppig die Tür aufschließt, macht ein Junge Meldung: „Nachtruhe beendet!“ Dann treten sie alle auf dem Flur an. Durchzählen. Als die Zahl stimmt, rennen sie runter auf den Hof. Dort macht Haui Meldung: „Bereit zum Frühsport!“ Knuppig reibt sich in der Morgenkälte die Hände und haucht sie an, bevor er von den bibbernden Jugendlichen verlangt: „Durchzählen!“ Knuppig stellt zufrieden fest: „Zahl stimmt. Keiner abgeduckt. Drei kleine Runden! Gymnastik, ordentliche Gymnastik! Fünf große Runden zum Abschluss! Gruppenleiter, übernehmen!“ Haui kommandiert und läuft voran. Jeder bemüht sich unter den strengen Augen des Erziehers. Keiner will den Groll der Gruppe auf sich ziehen, wenn alle die Übung mehrmals wiederholen müssen. Aber an Veit hat Knuppig was auszusetzen. Alle müssen die Liegestütze dreimal wiederholen und zwei Zusatzrunden laufen. „Bedankt euch beim Neuzugang. Der ist nicht exakt und lahm obendrein!“ bemerkt Knuppig ironisch. Am liebsten möchte sich die schnaufende Meute auf Veit stürzen. Doch nur einige verpassen ihm ein paar Rippentriller. Und Haui droht: „Noch einmal solch Scheiß und du kriegst eine reingezogen!“ Danach Betten bauen. Auch hier passt Knuppig genau auf. Veit reißt er zweimal das Bettzeug vom Bett, ehe er von ihm ablässt. Dann sagt Knuppig: „Neuzugang, den Kübel leeren!“ Veit greift nach dem Henkel des Kübels. Beim Anheben schwappt der übel riechende Inhalt über den Rand. Knuppig steht hinter Veit und gibt ihm einen wuchtigen Tritt in den Hintern: „Du Idiot! Kannst du nicht aufpassen? Die Sauerei wischst du weg!“ Veit stolpert nach vorn. Aus dem Kübel schwappt noch mehr raus. Dann folgt er Knuppig auf den Hof, um den Kübel zu entleeren. Viele Jungen feixen sich eins. Andere toben über den Gestank im Zimmer. Während sich die Jungen auf das Frühstück vorbereiten, muss Veit in Turnhose den Schlafraum, den Flur und die Treppen wischen. Dadurch fällt für ihn das Frühstück aus. Pünktlich zur Nachrichtenzeit sitzt er mit den anderen im Klubraum. Es fällt ihm schwer, sich auf das Gerede des Nachrichtensprechers zu konzentrieren. Sein Magen knurrt, sein Körper ist von all den Anstrengungen wie ausgelaugt. In den tiefsten Winkel seines Herzens hat sich die Wut zurückgezogen, denn er hat begriffen: Hier überlebste nur, wenn du dich total erniedrigen lässt! Im Anschluss findet die politische Information statt – Auswertung der Nachrichten. Knuppig richtet sich an Veit: „Rißke, gib eine Einschätzung zu den Nachrichten!“ Veit registriert, dass er zum ersten Mal mit seinem Namen angeredet wurde. Daraufhin stammelt er sich ein paar politische Floskeln ab, was Knuppig nur zu dem Kommentar veranlasst: „Ein politisch-ideologischer Tiefflieger biste also auch noch? Also dumm, frech, ein Parasit unserer sozialistischen Gesellschaft, ein asoziales Element. Na, da haben wir ja ein besonderes Früchtchen in unserer Gruppe. Aber, wir biegen dich schon hin!“
In den nächsten Tagen macht Veit seine Arbeit ohne Beanstandungen des Arbeitserziehers. Haui geht er aus dem Weg. Nur mit dem Bettnachbarn über ihm, der sich als Cliff vorgestellt hat, zwinkert er sich hin und wieder zu. Als wolle sein Gehirn alles registrieren, beobachtet Veit das Treiben um sich herum. Die meisten lassen ihn links liegen. Haui verpasst ihm mit Genugtuung die widerlichsten Reinigungsarbeiten. Jeden Morgen muss er den stinkenden Kübel im Hof entleeren, die Klos reinigen und nach Arbeitsschluss die Arbeitsplätze säubern. Eine Sache fällt ihm besonders auf und macht ihn stutzig. Wenn der hagere, lange Erzieher Geilke mit der Stirnglatze Dienst hat, holt der manchmal abends den Cliff aus seinem Bett und nimmt ihn mit. Nach gut einer halben Stunde, Veit hat schon öfter still die Minuten gezählt, kommt Cliff zurück, ist ziemlich verstört und schluchzt nicht selten leise vor sich hin. Heute kann Veit seine Neugier nicht dämpfen, steigt aus dem Bett, stellt sich vor Cliff und will wissen, was los sei, was Geilke laufend von ihm wolle. Cliff drückt seine Tränen ins Kissen und sagt: „Das Schwein! Die Sau will laufend was von mir ...“ „Was will der von Dir?“ bohrt Veit weiter. Cliff schluchzt: „Das Schwein ist schwul. Der will immer, dass ich ihm ...“ Weiter kommt Cliff nicht mehr. Laut dreht sich der Schlüssel im Loch. Veit taucht schnell in seinem Bett ab. Zu spät. Geilke hatte durch den Spion alles mitbekommen. Wütend reißt er beiden die Bettdecke vom Leib und schreit: „Raus! Es wird nicht gesprochen, verdammt!“ Sie springen aus dem Bett. Mit kaltem Blick blitzen seine Augen Cliff an, als er faucht: „Ich habe dich gewarnt!“ Beide müssen im Nachthemd raus auf den Flur. Unter den gierigen Augen des Erziehers müssen sie das Nachthemd abstreifen, sich nackend in die Hocke begeben und im Entengang die Treppen rauf und runter. Einmal, zweimal. Cliff ist der Strapaze nicht gewachsen. Schon nach der ersten Runde verlassen ihn die Kräfte. Sein Stöhnen und Wimmern peitscht in Geilke die Begierde noch mehr hoch. Seine Wolllust wird immer zügelloser. Und er wendet keine Sekunde seinen Blick von den aus Scham und wegen der Anstrengung erröteten Körpern der beiden Jungen. Bei der dritten Runde bleibt Cliff erschöpft auf einer Stufe sitzen. Die Stufen bestehen aus Eisenrost. Geilke kann von unten Cliffs Sitz betrachten. Daran ergötzt er sich. Das macht ihn an. Schließlich schickt er Veit in den Schlafraum zurück, was Veit jetzt überhaupt nicht passt. Er will Cliff mit diesem Kerl nicht allein lassen. Doch Geilke stößt Veit mehrmals seinen Schlüssel in den Rücken, so dass er gehorchen muss. Im Gehen zieht er sich das Nachthemd über. Seine Beine zittern. Die Muskeln schmerzen. Geilke schließt hinter ihm die Tür zu. Dann geht der Erzieher die Stufen zu Cliff hinauf, der noch immer atemlos in seiner Sitzhaltung auf dem kalten Eisenrost verharrt. Geilke lässt seine kaltnasse Hand über Cliffs Körper fahren, küsst dessen Schultern, ergreift Cliffs rechte Hand und schiebt sie in seinen Hosenschlitz. Widerstandslos lässt Cliff alles mit sich geschehen. Kaum hörbar wimmert er vor sich hin. Plötzlich bummern Fäuste gegen die Schlafraumtür. Veit ruft: „Geilke, du Wichser! Lass Cliff in Ruhe! Fass ihn nicht an!“ Seine Stimme klingt bedrohlich. Geilke ist erschrocken. Ein Zucken geht durch seinen Körper, das sogar Cliff spüren kann, der seinem Erzieher das gibt, was er von ihm verlangt. Nach dieser inneren Explosion gerät der Erzieher in Rage. Er stürmt hinunter, schließt den Raum auf, zerrt Veit heraus, jagt ihn die Treppen hinunter auf den Hof. Es regnet. Im Nachthemd muss Veit eine Schubkarre nehmen, sie voll laden mit schweren Eisenbahnschwellen. Diese muss er über die Länge des Hofes karren, säuberlich aufstapeln. Dann wieder aufladen, über den Hof karren und erneut aufstapeln. Geilke steht, die Fäuste in die Hüften gestützt, vor Regen geschützt, in der Tür. Zwei Stunden peinigt er Veit mit dieser erzieherischen Sportmaßnahme. Nach ein Uhr nachts patscht Veit nur noch kraftlos durch die Pfützen. Sein Körper dampft in der Kälte der Nacht. Die Sinne schwinden ihm. Geilke hat sich gerächt. Veit darf noch seinen Körper abtrocknen und muss sich dann nackt ins Bett legen. Lange Zeit zittert sein Körper vor Kälte, bebt er vor lauter Anstrengung und ohnmächtiger Wut. Er vernimmt es wie ein entferntes Wimmern, als Cliff kaum hörbar zischelt: „Es tut mir leid, dass du meinetwegen schikaniert wurdest. Geilke ist ein Schwein. Ich ertrage es nicht länger. Immer nimmt er mich ran. Ich bringe mich bald um.“ Schnarchen, Pupsen, Röcheln, Fiepen erfüllt den Raum, in dem eine stickige, eine atemraubende Luft steht. Veit klettert nach oben zu Cliff ins Bett. Sie drängen ihre Körper dicht aneinander. Veit spürt, wie Cliffs Körperwärme in seinen Körper kriecht. Das ist angenehm. Das tut ihm gut. Auch der fremde Atem, der jetzt sein Gesicht berührt, tut ihm gut. Und vor allem die sanfte Stimme streichelt seine geschundene Seele. Gleichzeitig befällt ihn die Angst davor, im fremden Bett ertappt zu werden, was strengstens verboten ist. Vor allem Geilke will sich seinen nächtlichen Spaß mit den Jungen nicht verderben lassen. Das wissen beide. Trotzdem tuscheln sie miteinander, unterbrechen sich nur manchmal, wenn irgendwo ein Bett knarrt, jemand hustet oder im Traum nach der Mutter ruft. Dann halten beide für einen Moment den Atem an und verstecken sich unter der Decke. Cliff schüttet sein Herz aus: „Bei mir zu Hause war die Hölle los. Viele Geschwister. Vater Säufer. Mutter verdiente manchmal Geld, nachts, wenn du verstehst. Erst mehrere Kinderheime, dann Werkhof und jetzt hier. Nur, weil ich es in Heimen nicht ertragen habe. Ich musste immer raus da, bin abgehauen. Irgendwie haben alle immer einen Kieker auf mich. Ich bin immer der Prügelknabe, muss für alle herhalten, für ihre Launen oder für Sex, wie bei dem Schwein Geilke. Und der ist so ekelhaft, so widerlich, pöh! Kommt wohl an keine ran. Kannst mir glauben, ich mach’ bald Schluss. Ehrlich! Hab’ die Schnauze voll!“
Nach dem Frühstück geht es im Laufschritt hinunter zum großen Flur. Dort ist wie jeden Morgen Appell. Durchzählen. Meldung durch den Gruppenleiter. Instruktionen für den Tag von den Erziehern. Dabei treffen für Minuten Jungen und Mädchen aufeinander. Aber sie bekommen stets die Order: „Kopf nach unten! Blick senken“ Sie dürfen sich nicht an zufällig erhaschten Blicken ergötzen. Trotzdem werden heimliche, vielsagende Blicke gewechselt. Mancher Erzieher, manche Erzieherin schaut dabei weg. Ab und zu wird der Appell vom wütenden Gekläff der Hunde auf dem Hof unterbrochen. An der Laufleine drehen sie ihre Runden, jagen jedem, der sich ihnen nähert, Furcht und Schrecken ein, wenn sie ihre Zähne fletschen und wie wild an der Kette zerren. Geilke stolziert wie immer mit einem Gummiknüppel in der Hand durch die Flure, stellt sich dann breitbeinig vor den Jugendlichen auf. Dabei wirft er einen grimmigen Blick auf Veit und Cliff, als lauere er auf das kleinste Vergehen bei einem von ihnen. An diesem Morgen geht es Veit und Cliff nicht sonderlich gut. Beide sind todmüde. Veit hat Muskelkater. Und Cliff ekelt sich noch immer vor sich, wenn er Geilke nur in seiner Nähe wähnt. Sie marschieren zur Arbeit.
Cliff wirkt zerknirscht. Seine Augen sind matt. Sein Gesicht ist blass. Mit fahrigen Handbewegungen körnt er die Stellen an, durch die Veit die Löcher bohren muss. Er ist unkonzentriert. Hin und wieder wirft Veit besorgt einen Blick zu ihm hinüber. Schließlich ahnt er, was hinter der Stirn des Jungen vor sich geht. Zuviel hat er in der Nacht vom Schlussmachen geschwärmt. Das ist es, was Veit sehr beunruhigt, weshalb er Cliff im Auge behält. Frenzel schlendert durch den Raum, inspiziert hier und da die Arbeit, hat hier was auszusetzen und da was zu meckern. Bei Cliff bleibt er stehen, guckt ihm mit geringschätzigem Blick auf die Finger und meint: „Na, Tunte, heute nicht in Form, was? Pennst ja bald ein. Klotz mal ‘n bisschen ran! Sonst gibt’s Abzüge!“ Er bufft ihm mit der Faust in den Rücken. Cliff stößt gegen die Werkbank. Er dreht sich um, will Frenzel ansehen. Frenzel brüllt: „Guck nach unten!“ Cliff pariert, setzt seine Arbeit fort. Veit, der alles beobachtet, hält im Bohren inne, denn Frenzels Gemeinheit ruft in ihm wieder jenes Gefühl wach, das er seit seiner Ankunft hier zu unterdrücken versucht: Sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Wie versteinert steht er da. Seine Augen, die er furchtlos und mit eisigem Blick auf Frenzel richtet, behagen dem Arbeitserzieher überhaupt nicht. Frenzel spürt, dass sich in dem Jungen etwas Explosives zusammenbraut. Dieser Blick der Auflehnung, der Aufsässigkeit, der unverhohlen Hass ausdrückt, verwirrt Frenzel für Sekunden. Flugs eilt er zu seinem Schreibtisch, öffnet das Schubfach. Erst dann reagiert er auf Veits Provokation, indem er sagt: „Rißke, warum glotzt du so? Guck nach unten! Weißt doch, dass es verboten ist, einen Erzieher anzugucken. Zur Strafe hundertmal pumpen und zehn Runden Entengang!“ Veit reagiert zornig: „Da schaff’ ich ja meine Norm nicht!“ Frenzel zieht den Schlagstock heraus. Bei jedem Liegestütz zählt er mit, indem er sich laut klatschend den Schlagstock in die linke Hand schlägt. Nach den Liegestützen ist Veit erschöpft. Er will aber nicht als Weichling erscheinen und absolviert seine Runden im Entengang. Vor Muskelkater schmerzen sämtliche Glieder. Als er in der dritten Runde für einen kurzen Moment zu Cliff aufschaut, sieht er, wie sich dieser eine Handvoll Schrauben in den Mund steckt und mit schmerz verzerrtem Gesicht herunterwürgt. Cliff greift nochmals eine Handvoll Schrauben. Da springt Veit entsetzt auf, läuft zu Cliff und ruft zu Frenzel: „Cliff bringt sich um!“ Frenzel schlägt mehrmals mit dem Stock auf den Tisch und droht Veit: „Rißke, sofort in den Entengang!“ Aber Veit schert sich nicht um Frenzel, hat Cliff erreicht und schlägt ihm die Schrauben aus der Hand: „Mensch!“ rüttelt er Cliff, „bist du verrückt? Lass den Quatsch! Du krepierst sonst jämmerlich! Rost und Öl sind an den Dingern! Steck den Finger in den Hals!“ Während sich Veit um seinen Kumpel sorgt, sehen die anderen ziemlich unbeteiligt dem Geschehen zu. Frenzel kommt mit seinem Schlagstock auf Veit zu, schlägt ihm damit zweimal auf den Rücken und faucht ihn an: „Was soll das hier? Du lehnst dich gegen eine Sportmaßnahme auf?“ Veit ist ebenfalls erregt und faucht zurück: „Der Cliff stirbt, Mensch! Soll’n wir da zugucken?“ Frenzel entgegnet lakonisch: „Der stirbt nicht. Der kriegt wie die anderen Spinner Sauerkraut zu fressen. Dann kommen die Schrauben wieder raus.“ Zynisch setzt er hinzu: „Natürlich ein bisschen rostiger als vorher!“ Veit ist wie geplättet. Jetzt lachen etliche lauthals. Haui meint: „Den Selbstmordtrick haben schon viele andere ausprobiert. Unser Doktor heilt jeden davon. Kannste glauben!“ Veit muss seine Runden weiter drehen. Cliff wird von einem Erzieher abgeholt und in die Küche gebracht, wo er einen großen Napf Sauerkraut in sich hineinstopfen muss. Im Arztzimmer verabreicht ihm der Doktor ein paar Löffel Rizinus. Dann schließt ihn ein Wachmann in der Toilette ein. Unter mörderischen Krämpfen wird er gegen seinen Willen von seinem Trip in den Tod ins belämmerte Leben zurückgeholt. Erst nach Stunden befreit man ihn vom Klo, um ihn sofort zum Auskurieren, wie es Knuppig bezeichnet, in die Arrestzelle zu stecken. Mit sarkastischem Grinsen bemerkt Knuppig: „Pass auf, dass der Kübel nicht überläuft!“ .