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Rößiger-Nagusch, Gudrun / Holl-Swadzba, Renate: Barfuß über Stoppelfelder
ISBN 3-933664-11-X (04/2002)
205 Seiten, Ebr., EUR 15,50

Der Inhalt des Buches betrifft den Kindheits- und Jugendzeitraum der Autorinnen von 1938-1955.
Diese Stationen ihrer Kindheit sind die hoffnungs-, zukunfts- und gemütvollen, lustigen, gefährlichen, traurigen, merkwürdigen, bösen und erheiternden Ereignisse, die sich in dem alltäglichen Auf und Ab der Tage ihrer Kindheit in der Siedlung und im Dorf abspielten.
War es doch auch überraschend für sie, an was sie sich noch erinnerten.
Eine Kindheit im "Thüringer Land".

Leseprobe

Die nächsten Jahre waren auch in der Siedlung von dem drohenden Krieg und seinen damit verbundenen Einschnitten in das Leben der Familien gezeichnet. Mancher Familienvater wurde sehr zeitig zur Wehrmacht eingezogen. Das war besonders für die Frauen, unsere Mütter, eine schwierige Zeit.
Der Sommer kam, und der Garten bot Früchte über Früchte. Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, gelbe, rote und schwarze, sowie große rote und ovale gelbe Stachelbeeren warteten nur darauf, gepflückt zu werden.
Gerade wurden vom Vater wieder neue Beete mit Stangenbohnen angelegt. Auf jedem Fleckchen Erde unseres Gartens wurde Gemüse angebaut.
Mein Rücken tut mir heute noch weh, wenn ich an das Pflücken und Pflanzen denke. Meine Finger werden steif, wenn ich mich an das Entschoten und Enthülsen der Erbsen und Bohnen erinnere, und in meinem Kopf beginnt es zu pochen, wenn ich an die vielen Süß- und Sauerkirschen denke, die ich entsteinen mußte.
Wir gossen und jäteten und rupften das reichlich wachsende Unkraut, die sehr tief sitzenden und weitverzweigten, verwurzelten Quecken aus den Gemüse- und Blumenbeeten.
Wir Kinder hatten unsere Aufgaben erhalten und waren so mit unseren Eltern in das Alltagsgeschehen eingespannt.

Die Unterkellerung der Siedlungshäuser war generell nur zur Hälfte des Wohnbereichs gegeben. Meine Eltern hatten aber den Zukunftstraum, den gesamten Wohnbereich des Hauses zu unterkellern, mit einem zweiten Treppenausgang zum Hof.
Vater hatte es plötzlich sehr eilig damit und meinte: „Wir müssen sehen, daß wir alles sehr schnell schaffen, wer weiß schon, wie sich die politische Lage weiterentwickeln wird.“ Im Handumdrehen organisierte er passende Helfer und Fachleute. Von da an ging alles sehr schnell.
Mit Spitzhacken und Schaufeln ausgerüstet, standen die Männer knöcheltief in der auszuschachtenden Erde. Vater, Mutter und mein Bruder – auch ich wollte unbedingt helfen – verteilten diesen Erdboden gleichmäßig auf das Gartenland. Zusätzlich wurde gleichzeitig eine Drainage zur Bodenentwässerung im Kellerbereich gelegt. Zuletzt wurden noch die einzelnen Treppenstufen gemauert, und nach einigen Tagen Trockenzeit war der Kellerausgang fertig und begehbar.
Wie oft war ich die dunkle, steile Kellertreppe vom Hausflur hinuntergestürzt, und alle waren froh gewesen, daß ich mir nichts gebrochen hatte. Selbst Mutter war das passiert.
Vater zimmerte wochenlang abends im Keller herum. Er baute große, lange Regale, die sich bald reihenweise mit Mutters „Eingemachtem“ füllten. Da fanden wir Marmelade- und Geleegläser, Kompottgläser sowie die verschiedenartigsten Obstsaftflaschen, die Mutter alle sehr genau mit kleinen, aufklebbaren Schildchen beschriftete.
Die große, luftdurchlässige Kiste zum Einkellern der Kartoffeln bekam ihren Platz. Viele verschieden aufgeteilte Boxen für das Wintergemüse, die Futterrunkeln und Rüben entstanden sowie eine große Kohlenecke für die verschiedenen Brennmaterialien. Die Briketts wurden geordnet aufgeschichtet. Eierkohlen und Koks befanden sich getrennt daneben.
Aber Vaters ganzer Stolz war seine wohlgeordnete Bastelecke. Ein großer Tisch mit vielfältigsten Werkzeugen stand bereit. Große und kleine Sägen und vieles mehr befestigte er sichtbar an der langen Kellerwand. Uns Kinder ermahnte er ernsthaft: „Das soll so ordentlich bleiben, und ich möchte diese Werkzeuge immer an ihrem Platz finden, wenn ich sie brauche!“ Dabei schaute er gezielt meinen großen Bruder an.

Unsere Mütter riefen zum Essen und alle Kinder verschwanden von der Straße in ihre Häuser.
Bei uns gab es schlichte Hausmannskost, also alles, was der große Gemüsegarten querbeet so bot. Mit großer Regelmäßigkeit gab es frisch ausgebuddelte Pellkartoffeln und Quark, in den Mutter frische Kräuter und kleingeschnittene Zwiebeln mischte. Verlorene Eier und Senfsoße war auch so ein oft wiederkehrendes Gericht. Dazu gab es gewöhnlich frischen Salat.
Doch mit dem Salat hatte ich als kleines Mädchen so meine Probleme. Ich kaute und kaute und kaute und konnte ihn nicht hinunterschlucken. Er rutschte einfach nicht. Ich aß so langsam, daß Mutter ganz nervös wurde, und ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch trommelnd ermahnte sie mich immer wieder: „Iß, iß, ich möchte mit dem Abwasch fertig zu werden.“ Oft unter Vorwand spuckte ich endlich alles ins Klo. Bald aber hatte mich meine Mutter durchschaut und meinte: „Das ist doch alles nur Anstellerei.“ – Sie predigte für taube Ohren.
Nach dem Essen ging es in den Garten. Am Beetrand kringelte sich ein dicker, langer Regenwurm. Ein Buntspecht hämmerte wie verrückt, und es roch nach würziger Gartenerde.
„Die Mücken sind wieder einfach gräßlich“, jammerte ich. „Und ich habe mir auch schon die Beine an den Brennesseln verbrannt und bin über Wurzeln und Löcher gestolpert beim Ka­nin­chen­fut­ter­su­chen.“ Einen Augenblick war es still – dann meine Mutter: „Leg dich ein wenig in den Liegestuhl in den Schatten.“ Hier konnte ich träumen und meiner Phantasie freien Lauf lassen.