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Oppermann, Michael: Die Geschichte hinter dem Spiegel. Drei Prosastücke
ISBN 3-933664-19-5 (11/2003)
102 Seiten, Ebr., EUR 12,00 / SFr 21,00

Eine junge Frau lernt auf einem Seminar den Literaten kennen, den sie schon immer treffen wollte. Eine Affäre bahnt sich an - mit ungeahnten Folgen ...
Ein Elternpaar verzehrt sich in der Hoffnung auf die Rückkehr der kleinen Tochter, die spurlos verschwunden ist -
Und ein Mann erfährt die Liebe in der Umarmung des Todes - im Schreiben sucht er nach der Geschichte hinter dem Spiegel -
Die hier versammelten Prosastücke umkreisen Menschen in Ausnahmesituationen; Menschen im Prozess der Veränderung, deren Leben nie wieder so sein wird wie vor jenem Tag der Gezeitenwende.

Über den Autor
Michael Oppermann wurde 1955 in Hamburg geboren und lebt heute - nach Jahren in London, Lubbock/Texas und Ankara - in der Nähe von Dresden. Zwei der hier enthaltenen Texte sind ursprünglich in den USA erschienen; die deutschen Übersetzungen stammen vom Autor.

Leseprobe

Zwei Seiten im Computer: Das Ergebnis der Nacht. Ich weiß nicht, warum ich mich noch immer verzweifelt mühe, wissenschaftliche Aufsätze zu schreiben. Wem will ich damit etwas beweisen? Ich drucke die Seiten aus und betrachte sie, ohne eine einzige Zeile zu lesen. Ich kenne die Antwort: Ich schreibe, um i h r zu entkommen – um nicht mit i h r reden zu müssen –
Ich packe meine Tasche: Bücher, Klausuren, mein Lehrerkalender. Dann beginne ich den Abstieg in Veronikas Küche. Meine Frau hat gedeckt; sie kocht Kaffee im Handfilter. Warum das? Was ist mit der Kaffeemaschine? Seltsame unausgesprochene Anspannung – ich werde immer langsamer – will mich umdrehen und in mein Arbeitszimmer zurück – ich verharre – Ve­ronika bemerkt mich und wendet mir demonstrativ den Rücken zu. Ich drücke mich vor der Küche herum – beschließe, meine Tasche vor der Haustür abzustellen (was ich auch tue, um sie dann wieder in die Hand zu nehmen). Erneut stehe ich vor der Küchentür; ich fühle mich wie ein Vertreter. Veronika fragt mich, was ich denn mit der Tasche wolle. Ich sage: Oh ja! – (was immer das bedeutet) – und lasse die Tasche im Flur. Wieder bleibe ich stehen. Dann entscheide ich mich dafür, nicht mehr stehen zu bleiben und gehe in mein Arbeitszimmer zurück. Ich hole die beiden Seiten, die ich gerade ausgedruckt habe und steige wieder nach unten – noch langsamer als beim ersten Mal, Stufe für Stufe – irgendwann komme ich unten an (natürlich) und gehe zu meiner Tasche, in der ich die beiden Seiten verschwinden lasse. Ich trage die Tasche einige Meter weiter – verharre erneut – nähere mich der Küche – bleibe stehen –
Rein oder raus, das ist hier die Frage! ertönt Veronikas Stimme.
Raus! Definitiv raus! sage ich und setze mich auf meinen Platz.
Veronika dreht mir den Rücken zu (schon wieder) und ich stehe auf und trete vor das Küchenfenster. Ein langer Blick in unseren Garten – im Baum sitzt ein Eichhörnchen! sage ich. Veronika stellt den Brotkorb auf den Tisch.
Sieh du dir man die Eichhörnchen an, sagt sie.
Ich trete zurück, bewege mich auf sie zu – sie weicht aus – ich will mich wieder setzen, aber ich setze mich nicht. Stattdessen umklammere ich die Stuhllehne (warum???), lasse sie aber wieder los und mache – während Veronika das Kaffeewasser aufschüttet – einige Schritte in Richtung meiner Frau. Sie setzt das Wasser ab – steht da, seltsam starr, und schließt die Augen. Meine Hand berührt sanft ihre Wange. Sie schlägt die Augen auf und fixiert mich.
Das kannst du dir sparen, sagt sie, bei mir läuft nichts mehr.
Bei dir ist ja nie viel gelaufen, sage ich.
Sie will mir eine reinhängen, aber ich fange ihre Faust in allerletzter Sekunde ab und drücke sie langsam nach unten. Mach das ja nicht noch einmal, sage ich.
Und warum sollte ich das nicht noch einmal machen? fragt sie.
Das musst du schon selbst herausfinden, sage ich, lasse ihre Faust los und setze mich wieder an den Frühstückstisch.
Ja, es ist gedeckt –