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Richter, Gisela: Licht und Schatten über Wäldern und Seen.
ISBN 3-933664-08-X (05/2001)
156 Seiten, Ebr., EUR 12,00

In diesem Buch schildert Gisela Richter einfühlsam das Leben einer adligen Familie nach dem Ersten Weltkrieg, die glücklich und großzügig auf ‘Blautannen’, einem entlegenen Gut in Ostpreußen, residiert. Zu dieser Familie gesellt sich bald der aus Lübeck stammende Hauslehrer Brodersen, der sich in die Tochter des Hauses verliebt.
Die Autorin schildert eine fröhliche Idylle, die durch viele ereignisreiche Geschichten ausgefüllt wird. Diese Idylle findet aber durch Kriegseinflüsse und Vertreibung ein jähes und brutales Ende.
Gisela Richter läßt das facettenreiche Gemälde einer Welt entstehen, die für immer zerstört wurde.

Inhalt

Blautannen
Die Familie von Wedel
Friedrich
Licht
Schatten
Rückkehr

Leseprobe

Vom Bahnhof kommend, fuhr man zunächst etwa sechs Kilometer auf einer Chaussee bis zu einer kleinen Wegkreuzung, an der ein Schild nach “Blautannen” wies. Hier bog man in eine Nebenstraße, die zur einen Hälfte geteert und zur anderen ein Sandweg für die Kutschen war, und die Pferde fielen sofort in Trab, wenn sie den weichen Sand unter ihren Hufen spürten. Es ging ein kleines Stück durch den Wald, bis der Weg schließlich in eine Birkenallee mündete. Diese Birken, vor langer Zeit zu beiden Seiten in mehreren Reihen gesetzt und im Laufe der Jahre durch den Wind ein wenig gekrümmt, boten einen wunderschönen Anblick. Besonders im Frühling, wenn die Bäume im jungen Grün standen, konnte man sich nicht satt an ihnen sehen. Wer hier das erste Mal entlangfuhr und einen Sinn für die Natur hatte, konnte sich dem Zauber der Landschaft nicht entziehen.
Nach gut zehnminütiger Fahrt öffnete sich die Baumreihe, und man sah das imposante, Ruhe und Frieden ausstrahlende Herrenhaus vor sich liegen. Hier lebte die Familie von Wedel.
Früher war es als das Wedelsche Gut bekannt gewesen, doch dann sprach man öfter von “Blautannen”, bis man später nur noch sagte: “Wir fahren nach ‚Blautannen‘”, oder “wir sind auf ‚Blautannen‘ eingeladen, es wird auf ‚Blautannen‘ gefeiert”. Aus gutem Grund hatte der Besitz diesen Namen erhalten, denn rechts und links, zu beiden Seiten des Hauptportals, standen je zwei Blautannen inmitten einer großzügig angelegten Rasenfläche. Vor vielen Jahren hatte ein von Wedel sie hier pflanzen lassen, und in weiser Voraussicht ihres Wachstums waren sie weit genug auseinander gesetzt worden, so daß sie genügend Platz gefunden hatten, sich in voller Pracht zu entfalten. Jetzt waren sie groß, ragten hoch in den Himmel, waren gesund bis in den Kern und alle vier vollkommen gleich gewachsen, wie man ihresgleichen nirgendwo wiederfinden würde. Unten waren sie inzwischen so breit geworden, daß ihre Zweige sich berührten, und es schien, als ob sie sich bei den Händen hielten. Wie Wächter standen sie da, die alles vertrieben, was dem Haus, der Familie, dem gesamten großen Gut, dem Vieh in den Ställen, dem Gesinde, den Feldern, Wäldern und Fischteichen Schaden hätte zufügen können.
Schon seit langer Zeit, man wußte gar nicht mehr, wie lange schon, war kein Unglück auf “Blautannen” geschehen. Es gab kein totgeborenes Kalb oder Fohlen in den Ställen, keinen Hagelschlag auf den Getreidefeldern, keine Seuche unter dem riesigen Viehbestand, keinen Brand, geschweige denn einen tödlich ausgehenden Unfall für einen Menschen, der auf dem Gut wohnte. Man war manchmal schon ein wenig abergläubisch und sagte, daß, solange die Blautannen stünden, nichts außergewöhnliches geschehen könne. Man starb zwar auch auf “Blautannen”, aber eines natürlichen Todes, weil ja schließlich jeder Mensch einmal sterben muß.
“Blautannen” war eines der größten Güter, die es in Ostpreußen gab. Es umfaßte viele tausend Hektar Land, große, wildreiche Wälder, Seen, aus denen der Süßwasserfischbedarf des Gutes gedeckt wurde, Forellenteiche, viele Weiden, Koppeln und Wiesen – Wiesen überall.
Ursprünglich war das Herrenhaus nicht so groß gewesen, aber jede Generation hatte einen Teil hinzugebaut, stets im gleichen Stil, so daß die einheitliche Linie erhalten geblieben war. An beiden Seiten des Hauses befanden sich kleine Türme, deren Zimmer sich besonders bei den jugendlichen Familienmitgliedern großer Beliebtheit erfreuten. Vor einigen Jahren war ein Trakt nur für Gäste entstanden, damit diese nach den Festen, die auf “Blautannen” stets im großen Stil und ausgiebig gefeiert wurden, nicht mehr des Nachts nach Hause fahren mußten, sondern dort übernachten konnten.
Betrat man das Haus durch das Hauptportal, nahm man sofort die Atmosphäre großen Wohlstandes wahr. Mitten in der mit edlen Hölzern getäfelten Empfangshalle befand sich ein riesiger Tisch, auf dem eine weitausladende Messingschale stand, die stets mit frischen Blumen gefüllt war. Von dieser Eingangshalle führten rechts und links Treppen in die oberen Stockwerke, durch kunstvoll geschnitzte Geländer geschmückt. An einer Seite der Halle stand der große Schrank mit den Jagdgewehren und allen Utensilien, die zur Jagd benötigt wurden. Sechs Türen führten in die von der Halle aus zu erreichenden Räume. Ganz links ging es in das Empfangszimmer, in die Bibliothek; durch die zweite Tür betrat man das Eßzimmer, in dem die Familie von Wedel die Mahlzeiten einnahm, wenn sie in kleiner Runde war. Die beiden mittleren Türen führten in den großen Saal; hier wurde zu besonderen Anlässen eine festlich geschmückte Tafel aufgebaut. Von diesem Saal ging es in den Wintergarten, in dem herrliche Pflanzen und Blumenkübel standen. Bei schönem Wetter waren die vom Boden bis zur Decke reichenden Türen weit geöffnet, und man konnte in den teils parkartig angelegten, teils wild wachsenden Garten gelangen. An dieser Seite des Hauses befand sich auch eine Terrasse, die in der warmen Jahreszeit tüchtig genutzt wurde. Die fünfte Tür der Halle führte in das Musikzimmer, und durch die sechste Tür erreichte man den Küchentrakt.
Die Einrichtung der Halle wurde ergänzt durch wunderschöne, wertvolle Teppiche und auserlesene Bilder, die die Wände bis hinauf in das oberste Stockwerk zierten. Bequeme Sessel standen in den Ecken und ein großer, mit Marmor verkleideter Kamin vervollständigte die Szene. In der kalten Jahreszeit prasselte hier fortwährend ein Holzfeuer, das für eine anheimelnde Atmosphäre sorgte; denn zur reinen Wärmeversorgung gab es auf “Blautannen” schon eine Zentralheizung.
Das Wohnzimmer, in dem man sich des Abends nach dem Essen zusammenfand, lag im ersten Stock; verschiedene Schlafräume mit den dazu gehörenden Bädern und die Kinderzimmer, bis hinauf in die zweite Etage, schlossen sich an. Ein Heer von Dienstboten war damit beschäftigt, das große Haus zu führen, perfekte Organisation garantierte einen tadellos funktionierenden Haushalt.
Hinter dem großen Hof fingen die Stallungen an. Auf den Koppeln tummelten sich die Pferde, tief braune Füchse, und man war stolz auf die gelungene Zucht. Das Wedelsche Gestüt war so berühmt, daß die Leute von weit her kamen, um sich hier Reitpferde zu kaufen.
Der Viehbestand war groß. Auf den Weiden standen die Kühe oder lagen wiederkäuend im Gras. Aus dem Schweinestall, der hinter den Pferdeställen lag, hörte man das Quieken der Ferkel.
Auf der anderen Seite des Hofes befanden sich überdachte, große Unterstände für die landwirtschaftlichen Geräte, Traktoren und Erntewagen. Den Abschluß bildeten die hohen Scheunen. Alles machte einen wohlgepflegten Eindruck, nirgendwo sah man ein defektes Dach oder einen Riß in den Wänden, denn man war stets darauf bedacht, jeden Schaden sofort zu beheben.
In einiger Entfernung von den Stallungen standen in Reihen die Gesindegebäude, freundlich hellgrün gestrichen, die Dächer mit roten Ziegeln gedeckt. Zu jedem Haus gehörte ein Stückchen Land, auf dem Gemüse und Obst angepflanzt werden konnte. Kinder lärmten und spielten vor den Häusern, und Hunde und Katzen tummelten sich dazwischen. Hier litt man keine Not, und wenn man die Männer und Frauen sah, die in diesen Häusern wohnten und auf dem Gut “Blautannen” arbeiteten, hatte man das Gefühl, daß sie zufrieden waren.
Abseits gelegen, da, wo der große Park anfing, stand das Verwaltungsgebäude. Zu ebener Erde waren die Büroräume untergebracht, und im ersten Stock hatte der Verwalter, Herr Schrage, der schon seit fast zwanzig Jahren hier beschäftigt war, mit seiner Familie seine Wohnung. Er war ein bodenständiger Mann von über fünfzig Jahren, der seinen Beruf verstand. Er führte mit sicherer Hand die verantwortungsvolle Verwaltung des Gutes. Seiner wachsamen Kontrolle entging nichts, über alle Vorkommnisse wußte er genauestens Bescheid, und mit seinen Kenntnissen hatte er stets dafür Sorge getragen, daß beste Ernteergebnisse erwirtschaftet werden konnten. Er arbeitete fast rund um die Uhr, kannte kaum eine Pause, ging als erster und als letzter durch die Ställe, um zu sehen, ob alles in Ordnung war, teilte morgens die Arbeit ein, fuhr zu den Arbeitern auf die Felder hinaus, um auch hier nach dem Rechten zu sehen. Die übrige Zeit verbrachte er im Büro, denn auch die Buchhaltung und andere geschäftliche Aufgaben erledigte er gewissenhaft. Herr von Wedel konnte sich voll und ganz auf seinen Inspektor verlassen und war froh, so einen tüchtigen Mann an seiner Seite zu haben. Herr Schrage, dessen größter Wunsch es in jungen Jahren gewesen war, selbst einmal ein eigenes Gut zu besitzen, setzte seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen für “Blautannen” ein, denn eine selbständige Existenz war ihm aus finanziellen Gründen versagt geblieben. So war er für Herrn von Wedel als hochgeschätzter Arbeitspartner geradezu unentbehrlich.
Frau Schrage war über den Arbeitseinsatz ihres Mannes nicht ganz glücklich und fühlte sich, nachdem die beiden Töchter geheiratet hatten und fortgezogen waren, manchmal sehr einsam. Viele freundschaftliche Verbindungen gab es nicht, dazu waren die Entfernungen zu groß und auf dem Gut selbst gab es kaum jemanden, mit dem sie ein längeres Gespräch hätte führen mögen. Es kam zwischen ihr und den übrigen nur zu den alltäglichen Unterhaltungen, ein engerer Kontakt ergab sich nicht. Sie war eine recht gebildete und sensible Frau, die durchaus gewisse Ansprüche an eine etwaige Freundschaft stellte. Auch war sie sich ihrer gesellschaftlichen Position als Verwaltersfrau sehr bewußt. Die einzige weibliche Person, die ihr, außer der Familie von Wedel, geistig nahestand, war die Hausdame, Frau von Bodin. Diese bezeugte wiederum kein großes Interesse, eine tiefere Freundschaft mit Frau Schrage einzugehen. Zum einen hatte Frau von Bodin, im Gegensatz zu der Verwaltersfrau, ein ausgefülltes Arbeitsleben, und überdies war sie eine sehr reservierte Persönlichkeit. Sicher, sie saßen ab und zu einmal bei einer Tasse Kaffee beisammen und sprachen über dies und das, aber für eine freundschaftliche Beziehung reichte es eben nicht aus. So war Frau Schrage viel allein und gab sich ihren geliebten Handarbeiten hin, las viel und fuhr jeden Monat einmal für ein paar Tage zu der einen und dann wieder einmal zu der anderen Tochter. Nach diesen Fahrten kam sie jedesmal aufgeschlossen und erfrischt zurück, bis ihr Leben nach einiger Zeit wieder in den alten Trott verfiel. Sie hatte sich mit der Zeit damit abgefunden, daß ihrem Mann die Verwaltung des Gutes das Wichtigste in seinem Leben war. Und schließlich ging es ihr ja auch nicht schlecht; sie hatten eine hübsche Wohnung, die Töchter waren gut verheiratet, ab und zu wurden sie zu einer Geselligkeit ins Herrenhaus eingeladen, was eine angenehme Abwechslung bedeutete. Sie liebte ihren Mann und er erwiderte diese Liebe. Ihr beiderseitiges Verhältnis war geprägt von Vertrauen und Harmonie. Was wollte sie mehr? Schließlich gönnte sie ihrem Mann auch seinen beruflichen Erfolg.
Die Hausdame, Frau von Bodin, war vor fünfzehn Jahren nach “Blautannen” gekommen. Als ihr Mann plötzlich verstarb und sie fast mittellos zurückließ, hatte sie diese Stellung annehmen müssen. Sie stammte selbst von einem Gut in Pommern und war deshalb mit dem Leben und den Verpflichtungen auf einem solchen Anwesen vertraut. Zunächst hatte sie natürlich Hemmungen gehabt, die Stellung einer Hausdame zu übernehmen und fühlte sich einer solchen Aufgabe fast nicht gewachsen. Doch zwang ihre finanzielle Situation sie dazu, sich eine neue Existenz zu schaffen.
Ihre Eltern hatten während der Inflation nach dem Weltkrieg alles verloren; der Wert des Geldes war ins Uferlose gesunken. Und da ihr Vater kein guter Landwirt war, kam das Gut alsbald unter den Hammer. Ihr Vater erschoß sich aus Kummer über diesen Verlust und ließ sie und ihre Mutter in trostloser Lage zurück; sie mußten versuchen, mit den gegebenen Umständen fertig zu werden. Ein Glück war es, daß sie Max von Bodin kennenlernte und heiraten konnte, so daß sie und ihre Mutter versorgt waren. Aber das Glück dauerte nicht lange, ihr Mann starb ganz plötzlich an einer schweren Krankheit und abermals standen sie vor dem Nichts. Von der kleinen Rente ihres Mannes konnte sie mit ihrer Mutter kaum leben, und auch die Ersparnisse waren bald aufgebraucht. Als sie dann das Inserat in der Zeitung las, daß eine Hausdame auf “Blautannen” gesucht würde, schrieb sie spontan hin und erhielt nach kurzer Zeit die Anstellung. Umgehend brachte sie ihre Mutter in einem Heim unter, packte ihre Sachen und fuhr zur Familie von Wedel.
Hier war sie überrascht von der Größe des Anwesens und zunächst voller Angst, ob sie diese gewaltige Aufgabe, die sie übertragen bekommen hatte, würde bewältigen können. So imposant hatte sie sich “Blautannen” nicht vorgestellt. Das väterliche Gut, auf dem sie aufgewachsen war, kam ihr in der Erinnerung nun sehr klein vor. Doch mit großem Eifer stürzte sie sich in die Arbeit, und das angenehme und freundliche Wesen von Frau von Wedel half ihr, mit vielen Problemen fertig zu werden. Allmählich eroberte sie sich ihre Stellung, wurde immer sicherer, und bald hielt sie alle Fäden des großen Haushaltes in ihren Händen. Sie war in ihrer Position das Bindeglied zwischen Frau von Wedel und dem Personal des Hauses. Sie hatte alle Vollmachten, den Haushalt betreffend, konnte kündigen oder einstellen, je nach Bedarf; nur hatte Frau von Wedel sich ausbedungen, über alles informiert zu werden. Und so ergab es sich, daß beide Frauen jeweils eine Stunde am Vormittag zusammensaßen, um über Haushaltsangelegenheiten miteinander zu sprechen.
Eine weitere Person, die im Haushalt etwas zu sagen hatte, war Maria, die Köchin. Sie war unwahrscheinlich dick, und man nannte sie nur die “dicke Maria”, was sie sich gutmütig lächelnd gefallen ließ. Vor vielen Jahren, als sie noch jung war, mußte sie mit einer schweren Enttäuschung fertig werden, nachdem sie hatte feststellen müssen, daß sie den Mann, den sie sich fürs Leben wünschte, nicht bekommen konnte. Sie wandte sich von dem männlichen Geschlecht ab und verschrieb sich ganz dem Kochen. Sie wurde eine leidenschaftliche Köchin und hatte auf “Blautannen” vor elf Jahren die Stellung ihres Lebens gefunden. In ihrem Reich, der großen Küche, herrschte sie wie eine Königin und beaufsichtigte eine Schar von jungen Mädchen, die ihr halfen, das Essen vorzubereiten, die Kartoffeln schälten, Gemüse putzten und alles taten, was in einer Küche an Arbeit anfiel. Am meisten war die dicke Maria in ihrem Element, wenn es galt, Vorbereitungen für ein Fest zu treffen. Fast alle Rezepte hatte sie im Kopf; nur manchmal schlug sie noch in ihren geheimnisvollen Notizen nach, wenn etwas ganz Besonderes zubereitet werden sollte. So hatte sie zum erst kürzlich gefeierten sechzigsten Geburtstag von Herr von Wedel für vierzig Personen Fasane auf eine so raffinierte Art angerichtet, daß alle Gäste voll des größten Lobes gewesen waren. Schon des öfteren hatte man versucht, Maria von “Blautannen” mit höherem Lohn und anderen Vergünstigungen fortzulocken, doch sie blieb der Familie von Wedel treu. Ihr gefiel es hier, sie mochte die Leute, und sie hatte alles, was sie brauchte. Sie konnte in der auf das Modernste eingerichteten Küche schalten und walten, wie sie wollte. Einmal in der Woche besprach Frau von Wedel mit ihr den Speisenplan für die kommenden Tage. Stand ein Fest vor der Tür, hatte Maria stets schon einen Vorschlag für ein Menü bereit, welches auch meistens von Frau von Wedel akzeptiert wurde, denn sie wußte, daß sie sich auf Maria verlassen konnte.
Ebenfalls eine angesehene Position bekleidete Otto Kruse. Er befehligte eine Anzahl von Gärtnern und regierte über den riesigen Gemüsegarten, die Obstplantage und die lange Reihe der Gewächshäuser. Dort wurden für den Winter Gemüse und Blumen gezogen, so daß man auf “Blautannen” auch in der kalten Jahreszeit auf nichts zu verzichten brauchte. Einer der Gärtner war eigens dafür verantwortlich, die Schalen und Vasen im Herrenhaus stets mit frischen Blumen zu versehen. Andere pflegten den Park, schnitten die Hecken und harkten die Wege. Kruse selbst lebte im Gärtnerhaus, in dem in einigen Zimmern unter dem Dach noch andere Bedienstete beherbergt wurden. Überall herrschte Sauberkeit und Ordnung, Schlampereien wurden nicht geduldet, und wer sich diesem Reglement nicht fügte, mußte wieder gehen. Otto Kruse war ein echter Ostpreuße, er sprach einen breiten Dialekt, der für Auswärtige nur schwer verständlich war. Kruse war nicht mehr jung, schon Ende Fünfzig, doch noch sehr rüstig, und körperliche Arbeit machte ihm nichts aus. Seine Tochter war verheiratet und nach Königsberg gezogen, während sein Sohn mit ihm als Gärtner arbeitete. Frau Kruse half in der Küche bei der dicken Maria aus, wenn Not am Mann war.
Heinrich Wiese war Kutscher und Chauffeur in einer Person. Er war ein noch verhältnismäßig junger Mann, Mitte Dreißig. Erst vor kurzer Zeit hatte er Leni geheiratet, die im Herrenhaus als Stubenmädchen tätig war. Sie bewohnten über der großen Remise eine kleine Wohnung. Wiese hatte für den Wagenpark, drei Kutschen und zwei Automobile zu sorgen. Seit vor einiger Zeit die Autos angeschafft worden waren, wurden die Kutschen nur noch zu besonderen Gelegenheiten benutzt. Gewöhnlich zog es die Familie von Wedel vor, im Auto zu fahren, und blankgeputzt stand es vor der Tür, wenn Wiese den Auftrag erhalten hatte, vorzufahren.
Die Chauffeure hatten vorher mehrfach gewechselt, doch mit Heinrich Wiese, der zugleich auch ein guter Automechaniker war, hatte man schließlich den Richtigen gefunden. Wiese trug eine dunkelblaue Uniform, wenn er ein Auto fuhr. Saß er aber auf dem Kutschbock und lenkte ein Gespann, legte er einen besonderen grünen Anzug an, der ihm sehr gut stand. Das war wohl auch der Grund gewesen, weshalb sich Leni sofort in ihn verliebte, als sie ihn so das erste Mal sah. Es störte sie auch nicht, daß Heinrich Wiese hinkte. Als Kind hatte er sich bei einem schweren Sturz einen komplizierten und schlecht verheilenden Beckenbruch zugezogen. Er zog infolgedessen ein Bein nach, was ihn aber bei seiner Arbeit nicht groß behinderte. Beide waren glücklich, sich hier gefunden zu haben, und in Kürze würde ihr erstes Kind zur Welt kommen.
Für alles, was nicht mit dem Vieh und der Landwirtschaft zu tun hatte, war Förster Hermann Hanke verantwortlich. Schon in der dritten Generation verwaltete die Familie Hanke die Försterei auf “Blautannen”, und mit der Zeit hatte sich zwischen Familie von Wedel und der Familie Hanke ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Zu gewissen Festen wurden Hankes, wie auch die Familie Schrage, eingeladen. Hermann Hanke war ein großer, stattlicher Mann mit einem Vollbart, und wenn er in seiner Förstertracht mit dem geschulterten Gewehr und dem Jagdhund “Rex” an der Leine durch Feld und Flur ging, sah er ganz so aus, wie man sich einen Förster vorstellt. Wegen der großen Entfernungen war er jedoch meistens mit dem Rad unterwegs, oder er fuhr in einem kleinen Jagdwagen.
Hankes hübsche, blonde Frau Emmi hatte sich voll und ganz an die Einsamkeit, die eine Försterei nun einmal mit sich bringt, gewöhnt. Das Försterhaus stand am Rande des Waldes, fast einen Kilometer vom Herrenhaus entfernt, und in unmittelbarer Umgebung wohnte sonst niemand. Emmi machte es nichts aus, am Tage, und manchmal auch des Nachts, wenn ihr Mann dienstlich unterwegs war, im Hause allein zu sein; im Gegenteil, sie liebte die Stunden, in denen sie ihr Reich ganz für sich hatte. Im Haus und im angrenzenden Gemüsegarten beschäftigte sie sich unablässig und mit viel Eifer. Hatte sie dennoch einmal Lust, sich zu unterhalten, ging sie zum Herrenhaus hinüber. Dort fand sich immer jemand, mit dem sie sprechen konnte, sei es Frau von Wedel, Frau von Bodin oder die dicke Maria, mit der sie besonders gern ein halbes Stündchen in der Küche verbrachte und über Rezepte plauderte. Ab und zu besuchte sie auch Frau Schrage, und bei einer Tasse Kaffee oder Tee ließ sie sich ein neues Strickmuster erklären. Besonders im Winter liebte Emmi es, wenn ihr die belesene Verwaltersfrau Geschichten erzählte oder ihr gar ein schönes Buch mitgab.
Der einzige Sohn von Hankes leistete zur Zeit seinen zweijährigen Militärdienst ab. Danach wollte er sich auf den Beruf als Förster vorbereiten, um in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können; denn für ihn war es eine selbstverständliche Berufung, hier auf “Blautannen” zu bleiben und in der vierten Generation Förster zu werden.