Home
 
edititon belletriste
 
Belletristik
 
Romane
 

 
edition belletriste
 

Richter, Gisela: Martin
ISBN 3-933664-09-8 (03/2002)
134 Seiten, Ebr., EUR 11,00

Martin wächst im Dorf Schönwalde im Rheinland auf. Im Sommer 1944 – er ist zwölf Jahre alt – entdeckt er in einem Gebüsch den verwahrlosten Juden Arno, der von einem Deportationszug fliehen konnte. Martin versteckt ihn in einer Höhle und versucht, ihn mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen, bis kurz vor Ende des Krieges im Frühjahr 1945. In dieser Zeit ist das eine risikoreiche und lebensbedrohliche Handlung.
Die Autorin erzählt einfühlsam das weitere Leben Martins, das durchaus symptomatisch für den Anfang der Bundesrepublik ist.
Spannung, im Wechsel mit starken Gefühlen, belebt diesen Roman.

Inhalt

1. Teil: 1944-1945
2. Teil: 1945-1952
3. Teil 1952-1959
4. Teil 1959-1960
5. Teil 1960-1964

Leseprobe

Eines Tages, es war Mitte Oktober geworden, rief Tante Hilde Martin, als er aus der Schule kam ins Schlafzimmer. Sie hatte den Kleiderschrank und sämtliche Schubladen offen und sortierte irgendetwas.
„Hör mal, Martin, ich suche hier Sachen von deinem Vater heraus – auch einiges von mir selbst. Ich will sie der Kleidersammlung für die Ausgebombten geben. Die armen Leute haben ja zum Teil alles verloren. Ich werde die Kleidungsstücke in eine Decke wickeln und in den Leiterwagen legen. Leider kann ich die Sachen nicht selber zur Sammelstelle bringen, ich will zu meiner Freundin, die heute Geburtstag hat. Kannst du den Wagen hinfahren?“
Martin erkannte sofort, was das bedeutete, es war eine einmalige Gelegenheit, für Arno warme Sachen zu organisieren. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht vor Freude aufzujauchzen und sich dabei zu verraten. Er tat gelangweilt und sagte: „Natürlich, Tante Hilde, ich fahre nachher hin; wo ist es denn?“
„Es muß ein Raum im Gemeindeamt sein, bis zum späten Nachmittag soll alles da sein, dann wird sortiert. Frau Schneider wird wohl auch helfen. Ich habe mich schon entschuldigt, daß ich nicht kann ...“
„Ja, ja, ich mache das schon“, versprach Martin.
„Du kannst auch in deinem Schrank nachsehen, ob du etwas aussortieren willst, was dir zu klein geworden ist. Du bist sowieso gewachsen und brauchst bald etwas Neues, die Hosen werden dir langsam zu kurz. Na, nach dem nächsten Schweineschlachten werde ich versuchen, etwas für dich einzutauschen.“
„Ich sehe schon bei mir nach, ob ich etwas für die Sammlung finde. Geh du nur zum Geburtstag deiner Freundin.“
Martin rannte in sein Zimmer und suchte unter seinen Kleidungsstücken einiges heraus. Er war wirklich gewachsen und auch breiter geworden, so konnte er mit gutem Gewissen ein paar Sachen aussortieren, die ihm zu klein geworden waren und die er nicht gemocht hatte. Danach lief er wieder hinunter in die Küche. Es gab Mittagessen. Tante Hilde war mit ihren Gedanken wohl schon beim Geburtstagskaffee, sie aß nicht viel und stand bald wieder auf. Jetzt konnte Martin ein Stück Fleisch, das sich in der Suppe befand, herausnehmen und unter dem Tisch in sein Taschentuch einwickeln. Es war ihm bisher unmöglich gewesen, Arno mit zubereitetem Fleisch oder mit anderem warmen Essen zu versorgen. Ein Feuer vor der Höhle anzumachen, um dort etwas zu wärmen, war zu gefährlich.
Endlich war es soweit, daß Tante Hilde sich den Hut aufsetzte, ihren Mantel anzog und ihre Tasche nahm.
„Ich gehe jetzt, Martin, vergiß nicht, die Sachen zur Sammelstelle zu bringen,“ rief sie nach oben.
„Nein, nein, ich vergesse es nicht.“
Martin sah von seinem Fenster aus seine Tante aus dem Haus gehen. Er war jetzt allein, Annemarie war bei Frau Kramer und Frau Schneider auf der Sammelstelle. Sofort rannte er hinunter und in den Schuppen. Dort lag das Bündel im Leiterwagen. Er knüpfte die Decke auf und nahm einen Anzug von seinem Vater, Unterwäsche, Strümpfe, Hemden und einen Pullover heraus. Daraufhin ging er ins Haus und sah sich im elterlichen Schlafzimmer nach weiteren brauchbaren Dingen um. Aus einer Schub­lade zog er noch ein paar lange Unterhosen unter einem Stapel hervor, auch ein Paar Strümpfe und zwei Taschentücher nahm er noch mit. Er glättete wieder alles ordentlich und hoffte, daß seine Tante nichts bemerken würde.
Martin machte noch einige Brote fertig, holte sich wieder gekochte Schweinekartoffeln, füllte Milch in die Feldflasche und versteckte alles im Schuppen. Dann fuhr er den Leiterwagen zum Gemeindeamt. Dort lagen in einem Raum auf einem langen Tisch schon viele Kleidungsstücke. Frau Schneider war dort und unterhielt sich mit einer anderen Frau.
„Guten Tag“, grüßte Martin, „ich bringe ein paar Sachen. Wo soll ich sie hinlegen.“
„Tag, Martin, leg sie nach hinten auf den Tisch, sie werden später sortiert“, antwortete Frau Schneider und drehte sich wieder zu der anderen Frau um.
Martin nahm den Packen aus dem Wagen, legte ihn auf den Tisch, knüpfte die Decke auf und legte alles heraus. Die Decke mußte er wieder mit nach Hause bringen, das hatte Tante Hilde ihm noch eingeschärft. Niemand kümmerte sich um ihn; blitzschnell zog er einen langen Schal mit Mütze und Handschuhen aus einem anderen Stapel Kleidung hervor, wickelte die Decke herum, grüßte die beiden Frauen und verließ das Gemeindeamt. Schnell lief er zurück.
Zu Hause im Schuppen verstaute er alles in seinem Rucksack und in einem Kartoffelsack, den er Arno noch überlassen wollte. Den Rucksack nahm er auf den Rücken, den Kartoffelsack befe­stigte er auf seinem Gepäckständer.
Unterwegs fing es an zu regnen; er hatte vergessen, sich eine
Jacke anzuziehen, aber es war ihm gleichgültig, daß er naß wurde, wichtig war für ihn nur, Arno mit allem zu überraschen.
Am See angekommen, lehnte er das Rad wie üblich an einen Baum, nahm noch den Sack auf die Schulter und stieg nach oben. Er pfiff wie jedesmal leise, damit Arno wußte, daß er kam. Schwer­atmend stand er in der Höhle und gab Arno freudestrahlend die Sachen. Arno zog gleich alles an, alles übereinander, zum Schluß den Anzug, der trotzdem noch eine Nummer zu groß war.
„Sag mal, wo hast du das denn eigentlich alles her?“ staunte Arno.
Und Martin erzählte ihm von der Kleidersammlung. Beide lachten, Arno nahm Martin in die Arme und drückte ihn an sich.
„Ich danke dir, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll, Martin, du bist ein ganz toller Kerl. Was du nicht schon alles für mich getan hast. Ich hoffe, daß ich dir das alles irgendwann später einmal auf andere Art und Weise zurückzahlen kann.“
Martin aber war beschämt, wie üblich, wenn man ihm für irgend etwas „Dankeschön“ sagte, er winkte nur ab.
„Komm, Arno, nicht der Rede wert. Ich freue mich doch, wenn ich dir was Gutes antun kann. Aber jetzt muß ich gehen, ich habe noch ein paar Arbeiten zu erledigen und muß noch Schularbeiten machen. Hier sind Brote, ein Stück Fleisch vom Mittagessen und Obst. Also bis morgen oder übermorgen.“
„Alles in Ordnung, Martin, du bist ganz naß geworden, hoffentlich erkältest du dich nicht. Wiedersehen, Martin.“
Martin zog sich zu Hause sofort trockene Sachen an. Er überlegte, was er, wo er jetzt allein im Haus war, für Arno noch „organisieren“ konnte, doch ihm fiel nichts mehr ein. So machte er sich an seine Schularbeiten.
Danach fütterte er Schweine und Hühner, nahm aus den Legekästen die Eier heraus und legte sie in den Vorratsschrank. Als er damit fertig war, fegte er den Hof. Es sah alles sehr sauber und auf­geräumt aus, Tante Hilde würde nichts auszusetzen haben. Er hatte überhaupt das Gefühl, daß er jetzt besser mit ihr auskam. Er empfand auch ihre Stimme nicht mehr so schrill; allerdings hatte er sich, seit Arno in sein Leben getreten war, eine Art „Panzer“ zugelegt, praktisch eine zweite Haut, an der alles Unangenehme, das auf ihn zukam, abprallte. Mit stoischer Ruhe ließ er Tante Hildes Tadel oder Beanstandungen über sich ergehen und sagte kein Wort dazu. Für ihn war Arno die Hauptperson, alles andere war unwichtig geworden. Nur an seinen Vater dachte er noch und schrieb ihm ab und zu einen Brief, der ihm große Schwierigkeiten machte, da er nie vorher Briefe geschrieben hatte. Er berichtete, was er für Arbeiten auf dem Hof verrichtete, schrieb über Hühner und Schweine und auch über die Schule. Er hoffte, daß die Briefe seinen Vater erreichen würden. Sie hatten lange nichts von ihm gehört.
Es war schon fast dunkel, als Tante Hilde zurückkam. Sie fragte sofort: „Hast du die Sachen zur Sammelstelle gebracht, Martin?“
„Ja, habe ich, es lag schon viel auf dem Tisch.“
In diesem Augenblick kam auch Erika Schneider in die Küche, die Frauen begrüßten sich. Erika Schneider berichtete: „Es ist viel gespendet worden, wie haben alles in Männer-, Frauen- und Kinderkleidung sortiert.“
„Hoffentlich kann jemand den Anzug meines Mannes gebrauchen“, sagte Tante Hilde.
„Den Anzug?“ fragte Frau Schneider gedehnt.
Martin klopfte das Herz bis in den Hals.
„Ich weiß nicht“, fuhr Frau Schneider fort, „es lag so viel da, ich kann mich an den Anzug nicht entsinnen, aber wenn Sie es sagen; sicher wird sich ein Abnehmer dafür finden. Kurz bevor ich ging, sind alle Sachen von einem Wagen abgeholt worden.“
Martin hatte nicht daran gedacht, daß Tante Hilde nach dem Anzug fragen würde. Na, Gott sei Dank, daß alles schon abgeholt worden war, jetzt konnte sie nicht mehr nachforschen; es war noch einmal gut gegangen.
Martin war guter Stimmung. Für’s Erste war Arno mit warmen Sachen versorgt. Doch wenn es kälter werden würde, wenn der Winter kam, würde er trotzdem frieren. Wie dem abgeholfen werden konnte, wußte Martin im Augenblick noch nicht.