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Richter, Gisela: Zwischen den Fjorden. Die Liebesgeschichte von Karl und Anna
ISBN 3-933664-04-7 (08/2000)
120 Seiten, Ebr., EUR 10,20

Bei einer Urlaubsreise mit dem Postschiff entlang der norwegischen Küste begegnet die Fremdsprachensekretärin Anna dem dort lebenden Deutschen Karl. Spontan folgt sie seiner Einladung, die midtsommernatt in Solje zu feiern, einem kleinen Ort, in dessen Nähe Karls Haus einsam am Fjord liegt.
Dies ist der Beginn einer großen Liebe, deren ungewöhnliche Geschichte hier einfühlsam und mit viel Anteilnahme erzählt wird.

Leseprobe

Am dritten Tag lief das Schiff früh am Morgen in den Hafen von Trondheim ein. Hier gab es einen Aufenthalt von sechs Stunden, und Anna wollte die Zeit nutzen, um sich die zweitgrößte Stadt Norwegens anzusehen.
Als sie die Gangway hinunterging, mußte sie wohl die letzte Sprosse verfehlt haben, jedenfalls stolperte sie und stieß mit dem Kopf an das Geländer. Ihr wurde einen kleinen Moment schwarz vor Augen, doch ehe sie fallen konnte, wurde sie von zwei kräftigen Armen aufgefangen und jemand sagte:
“Hoppla, nicht so schnell. Haben Sie sich etwas getan?”
Anna war sofort wieder voll da. Ein Mann sah sie besorgt an.
“Danke sehr, daß Sie mich aufgefangen haben. Wie dumm von mir, ich hätte besser aufpassen sollen.”
“Nun, die Hauptsache ist, daß Sie sich nicht verletzt haben. Kommen Sie, setzen Sie sich einen Moment auf die Kiste dort an der Hauswand, dann können Sie sich anlehnen.” Der Mann brachte Anna fürsorglich zu dieser Kiste und Anna setzte sich gehorsam hin.
“Es ist mir wirklich nichts passiert, ich bleibe nur einen Augenblick hier sitzen”, sagte Anna lächelnd, amüsiert über diese Fürsorge. Der Mann nahm neben ihr Platz, stand jedoch sofort wieder auf.
“Kann ich Sie einige Minuten allein lassen? Ich habe nur noch eine Kleinigkeit zu tun, komme aber gleich wieder.” Anna nickte ihm bejahend zu. “Sie müssen aber bestimmt sitzenbleiben, bis ich zurück bin.” Er sah sie aufmerksam an und dachte wohl, daß er Anna nicht allein lassen könne. Als sie wiederum genickt hatte, ging er schnell zu einem anderen Mann, und beide hoben eine Kiste hoch und verstauten sie auf einem Wagen. Daraufhin unterschrieb er noch etwas und verabschiedete sich von dem Fremden, der in den Wagen stieg und abfuhr. Anna sah, wie ihr “Retter” ihr mit einer Handbewegung zu verstehen gab, daß er gleich zurückkommen würde, sie solle warten. Anna beobachtete diesen Mann. Trotz seiner ungebügelten Hosen, seines grauen Pullovers und seiner Turnschuhe von undefinierbarer Farbe, machte er einen verhältnismäßig gepflegten Eindruck, auch obwohl seine Haare zu lang waren und er einen Vollbart trug. Er sprach nun mit zwei anderen Männern, die auf das Schiff zeigten, mit dem Anna gekommen war, nickte ihnen zu und kam dann mit schnellen Schritten zu Anna zurück.
“Ich habe erst noch die Kiste verladen müssen, wie Sie wohl gesehen haben. Ich bin heute mit dem Postschiff aus dem Norden gekommen und will mit dem anderen, mit dem Sie gekommen sind und sicher auch weiterfahren, zurückkehren. Ich nehme Holz mit, das für mich hierher geliefert worden ist. Machen Sie die Postschiffreise Bergen-Kirkenes-Bergen?”
“Ja, so ist es. Aber ich bin erstaunt, daß Sie mich deutsch angesprochen haben; woher wußten Sie denn, daß ich Deutsche bin?”
Er überlegte einen Augenblick. “Ich weiß nicht warum, ich glaube, ich habe das ganz instinktiv gemacht. Ich bin ja auch Deutscher, lebe aber schon sehr lange in Norwegen.”
Sie waren inzwischen aufgestanden und hatten sich in Richtung Stadt in Bewegung gesetzt. Der Mann stellte sich vor.
“Ich heiße übrigens Karl.”
“Und ich heiße Anna. Ich danke Ihnen nochmals, daß Sie sich so nett um mich gekümmert haben.”
“Aber das war doch ganz selbstverständlich. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen ein wenig von Trondheim?” Er schaute auf die Uhr. “Allerdings müßte ich Sie bitten, mit mir zunächst zu einem bestimmten Geschäft mitzukommen, denn ich muß mir etwas Werkzeug kaufen, das ich dringend benötige. Ich bin nämlich Tischler und fertige auch Schnitzereien und Einlegearbeiten an, also alles, was mit Holz zu tun hat. Wenn ich in Trondheim bin, kaufe ich all das, was ich woanders nicht bekomme.”
“Mir ist es egal, wo wir langgehen, ich sehe mir gern Häuser und Geschäfte an.”
“Ich glaube, ich müßte zum Friseur”, sagte Karl dann und fuhr sich mit der Hand über die Haare. “Für einen Besuch der Kathedrale da hinten wird es jetzt sowieso schon zu spät. Die können Sie sich ansehen, wenn Sie auf der Rückfahrt sind, denn das Gegenschiff aus dem Norden hat hier ebenfalls einen langen Aufenthalt. In der nächsten Straße rechts liegt das Geschäft, in dem ich das Werkzeug kaufen will. Ein Stückchen weiter befindet sich ein kleines Café, dort können Sie sich ausruhen und einen Kaffee trinken, während ich nebenan schnell zum Friseur gehe. Wären Sie damit einverstanden?”
“Ja, natürlich, machen Sie nur, wie es Ihnen am besten paßt. Sie haben sicherlich recht, die Kathedrale werde ich mir auf der Rückfahrt ansehen, ich weiß ja dann schon ein bißchen Bescheid hier.”
Sie gingen in das Geschäft, und Karl suchte einige Dinge aus, bezahlte und nahm das Paket in die Hand. Dann gingen sie zu dem kleinen Café.
“So, ich lasse Sie jetzt einen Augenblick allein, um mich für Sie schön machen zu lassen”, sagte Karl lachend, “und wehe, wenn Sie nicht auf mich warten, ich finde Sie doch auf dem Schiff. Sie können mir nicht entkommen.”
“Nein, nein, ich renne nicht weg, außerdem finde ich es sehr schön, hier zu sitzen.”
Anna hatte einen Platz direkt am Fenster und sah Karl in den Friseurladen gehen. Die Zeit wurde ihr nicht lang, denn während sie Kaffee trank, beobachtete sie die Menschen, die am Fenster vorbeigingen.
Nach etwa zwanzig Minuten kam Karl zurück und fragte scherzend: “Nun, wie sehe ich aus? Ich bin sonst nicht so eitel, denn ich lebe ganz allein und einsam, aber heute, in der Gesellschaft einer so hübschen jungen Dame, habe ich einfach etwas für mein Äußeres tun müssen.”
“Sehr gut sind Ihre Haare geschnitten, Sie haben mir aber auch mit dem langen Haar gefallen.”
Unbewußt hatte Anna Karl auch ein Kompliment gemacht, was sie eigentlich gar nicht gewollt hatte, die Worte waren ihr aber herausgeschlüpft. Karl sah sie überrascht an, dann lachte er laut, so daß seine regelmäßigen weißen Zähne sichtbar wurden. Als die Bedienung kam, bestellte er sich auch einen Kaffee.
“Ich trinke nur schnell meinen Kaffee, dann geht es weiter. Wir haben noch etwas Zeit, so daß ich Ihnen ein paar sehenswürdige alte Häuser zeigen kann.”
“Wo wohnen Sie denn so einsam und allein, wie Sie sagten?” Anna war neugierig geworden.
“Morgen früh hält das Schiff in Ørnes. Von dort führt eine Straße nach Solje, einem hübschen kleinen Ort mit bunten Holzhäusern. Allerdings kann dort wegen der vorgelagerten Felsen kein größeres Schiff anlegen. Im Hafen von Solje liegen nur kleinere Boote, vor allen Dingen Motorboote, die den Einwohnern von Solje gehören. Auch mein Boot liegt dort. Mit ihm muß ich noch ungefähr dreißig Minuten nach Norden fahren; die Fahrzeit richtet sich ganz nach den Wetterverhältnissen. Das Haus, in dem ich lebe, steht ganz allein und ist nur mit dem Boot zu erreichen. Es gibt zwar auch einen Weg dorthin, aber der ist sehr beschwerlich und geht über mehrere felsige Hügel. Ich bin ihn schon gegangen, ungefähr eine gute Stunde oder sogar länger. Doch wenn man etwas tragen muß, ist dieser Weg nicht zu empfehlen.”
“Da leben Sie ja wirklich einsam”, antwortete Anna nachdenklich. Sie wollte nun doch etwas mehr über diesen Mann erfahren, getraute sich aber nicht, ihn weiter auszufragen. Vor allen Dingen wollte sie wissen, warum er so allein lebte. Irgendeine Gelegenheit würde sich auf der Fahrt, die sie noch gemeinsam vor sich hatten, schon ergeben, ihn zu fragen.
Auf der Fahrt die Küste entlang nach Trondheim waren Anna schon des öfteren kleinere Ansiedlungen oder Grünflächen mit einigen Häusern oder sogar nur mit einem Holzhaus, einer Wiese davor, sowie einem Boot an einem kleinen Steg aufgefallen. Sicher war es bei Karls Anwesen genauso. Es interessierte sie sehr zu erfahren, wie das Leben in so einem Haus wohl sein möge.
Karl lenkte ihre Blicke auf Straßen und Häuser und machte sie auf Besonderheiten aufmerksam. Bald war es Zeit, sie mußten zurück zum Hafen. Karl wollte sich noch vor dem Auslaufen vergewissern, ob das Holz auch richtig lagerte.
Sie gingen an Bord und auf Annas Frage, ob sie zusammen essen könnten, meinte Karl, das sei nicht möglich, er hätte keine Kabine und würde die Nacht im Aufenthaltsraum für die Passagiere, die nur kurze Strecken fuhren, verbringen und auch dort essen.
Sie verabredeten sich aber für zwei Uhr auf dem Deck und während Anna in den Speisesaal ging, legte das Schiff ab. Die Unterhaltung bei Tisch bestritten die Engländer fast allein, Anna war unaufmerksam und sah hin und wieder auf die Uhr.
Schon vor der verabredeten Zeit saß Anna in der Sonne auf dem Bootsdeck. Es war warm geworden, und sie hatte den Pullover ausgezogen. Plötzlich stand Karl vor ihr.
“Ist es nicht herrlich hier in der Sonne? Viele Menschen glauben, in Norwegen sei es immer kalt; das stimmt aber nicht. Es gibt hier einen wunderschönen, warmen, doch leider zu kurzen Sommer. Und wissen Sie, was morgen ist? Morgen ist Midtsommer. Was meinen Sie, wie das in Solje gefeiert wird.”
Karl hatte sich einen Stuhl geholt und sich neben Anna gesetzt. Viele Passagiere waren an Deck gekommen, jeder wollte das schöne Wetter genießen und die Landschaft bewundern.
“Ich habe schon davon gehört, wie begeistert in Norwegen die Mittsommernacht gefeiert wird. Hoffentlich ist es auch morgen so klar.”
Karl beugte sich ein bißchen vor und sah Anna an. “Wollen wir zusammen diese Midtsommernatt feiern, über das Feuer springen, gut essen, vor allen Dingen gegrillten Fisch, Bier trinken, singen, tanzen und mit meinen Freunden in Solje lustig sein?”
Annas Herz schlug schneller, das war ein wunderbarer Vorschlag und sehr verlockend. “Wie meinen Sie das? Wie soll das möglich sein?” fragte Anna.
“Das ist ganz einfach”, antwortete Karl. “Sie steigen morgen mit mir in Ørnes aus und nehmen nur das Notwendigste mit. Das übrige Gepäck lassen sie in Ihrer Kabine, denn die bleibt Ihnen ja. Wenn das Schiff aus dem Norden zurückkommt, ich glaube in sechs Tagen, dann steigen Sie wieder ein und fahren mit zurück nach Bergen. Ich würde Ihnen gerne meine Freunde, Arne und Inga, und noch andere Bekannte vorstellen, die Ihnen sicher gefallen werden. Außerdem möchte ich Ihnen auch mein Haus zeigen.”
Karl sah Anna etwas ängstlich an und war gespannt auf ihre Reaktion über diesen kühnen Vorschlag. Anna jedoch überlegte nur einen kurzen Augenblick, dann sagte sie: “Ja, so können wir es machen. Ich fahre zwar dann nicht zum Nordkap, das ich unbedingt sehen wollte, aber ich glaube, diese Mittsommernachtsfeier mit Ihnen und Ihren Freunden hier im hohen Norden darf ich mir nicht entgehen lassen.”
Plötzlich legte Karl den Arm um Anna und küßte sie mitten auf den Mund. Ihr war es gleichgültig, ob jemand von den anderen Passagieren zugesehen hatte. Ohne nachzudenken, hatte sie sich damit einverstanden erklärt, mit diesem Mann, den sie erst vor ein paar Stunden kennengelernt hatte, mitzugehen.