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Richter, Gisela: Aus meinen Träumen.
Kleine Geschichten mit Illustrationen von Joachim Möller
ISBN 3-933664-20-9 (11/2003)
98 Seiten, 32 Abb., Ebr., EUR 10,00

Dieser Band vereinigt zehn Erzählungen, die voll rührender Anteilnahme von Dingen und Menschen berichten. Gleich aus welcher Perspektive Gisela Richter ihre Geschichten erzählt, immer packt sie zielsicher die Leser bei deren Gefühlen und kann sich somit großen Interesses gewiß sein. In wunderschönen Bildern wird eine Welt der kleinen Dinge aufgezeigt, die normalerweise unserem Auge entgeht. Von dem Inhalt dieses Buches strahlt eine große Ruhe und viel Lebenserfahrung aus.

Inhalt

Der Baum
Die Bank
Das Buch
Der Hund
Der See
Das Versprechen
Der Berg
Der Brief
Das Hochzeitskleid
Erinnerungen

Leseprobe

Das Buch

In der obersten Reihe des großen, hohen Bücherregals stand ein Buch, ein wenig schräg an die Seitenwand gelehnt. Es war schon alt, der Einband an einigen Stellen etwas eingerissen und seine Farben ausgeblichen. Eine lange Zeit schon stand es hier, allein, von irgend jemandem in diese Ecke verbannt. Es fing an, einzustauben, denn obwohl ab und zu einmal ein Staubwedel über die unteren Reihen der Bücher fuhr, bis zu ihm nach oben gelangte er nie.
In der ersten Zeit hatte das Buch gedacht, daß es bald wieder heruntergeholt werden würde, aber die Tage, Monate und Jahre vergingen, niemand kümmerte sich oder erinnerte sich seiner, niemand zeigte Interesse, und schon lange hatte es die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder von einer Hand ergriffen und an einen anderen Platz gestellt oder vielleicht sogar gelesen zu werden.
Das Buch dämmerte vor sich hin, Sommer für Sommer, Winter für Winter.
Eines Tages vernahm das Buch leichte Schritte im Raum, es waren andere Schritte als die, die es gewohnt war zu hören. Die große Leiter wurde an das Regal angelehnt, und jemand stieg empor, nahm hier ein Buch heraus, stellte es wieder zurück, nahm dort eins zur Hand und stellte dieses auch wieder zurück. Und dann, das Buch wagte es gar nicht zu hoffen, griffen schmale weiche Finger nach ihm und nahmen es von seinem Platz. Kurze Zeit darauf wurde es von dieser Hand die Leiter hinunter getragen und auf den Tisch gelegt. Ein Tuch entfernte den dicken Staub, und das Buch konnte nun das junge Mädchen sehen, das es aus seiner Einsamkeit befreit hatte. Das Buch fühlte sich durch die Luft getragen, heraus aus diesem hohen mit dunklem Holz getäfelten, etwas düsterem Raum, in dem es so lange Zeit hatte verbringen müssen, hinaus in den Garten, und voller Glück kostete es die Sonnenstrahlen, die sich hell und warm auf seinen Einband legten. Das Buch wußte gar nicht wie ihm geschah, niemals hätte es gedacht, je wieder diese frische Luft atmen zu können, den Duft von Blu­men und Gräsern. Unter einem Baum machte das Mädchen Halt, setzte sich ins Gras, schlug das Buch auf und fing an zu lesen. Langsam las es, Seite für Seite schlug es um.
Plötzlich fiel ein Haar, ein einzelnes blondes Haar herab, es war ein wenig gewellt, und das Buch hoffte, daß dieses Haar, das so wundervoll duftete, zwischen den Seiten liegen bleiben würde. Das Mädchen ließ sich durch dieses heruntergefallene Haar nicht beirren, es blätterte um und las weiter. Auf einmal, das Mäd­chen hatte die letzten Seiten erreicht, fiel ein Tropfen auf die Zeilen, es war ein salziger Tropfen. Mein Gott, war das etwa eine Träne? Tatsächlich, es war eine Träne, die aus den blauen Augen herabgefallen war, und da, auf der nächsten Seite noch eine Träne. Das Buch empfand ein Gefühl tiefster Zufriedenheit, dieses wunderbare Menschenkind weinte über das Gelesene. Und nachdem die letzte Seite erreicht war, hob das Mädchen das Buch empor, und es fühlte, wie sich weiche Lippen auf die letzten Zeilen drückten, wie zu einem Kuß. Was war das für ein überwältigender Augenblick.
Die Dämmerung war hereingebrochen, in der Hand des Mäd­chens schwebte das Buch über die Wiese in das Haus und dort in ein Zimmer mit duftigen weißen Gardinen und blumiger Tapete.
Das Mädchen machte sich zur Nacht fertig, bürstete sich das blonde Haar und ging zu Bett. Es nahm das Buch zärtlich unter den Arm, löschte das Licht und legte sich zurück in die Kissen. Glückselig schmiegte sich das Buch an die junge, zarte Brust dieses himmlischen Wesens, das nach kurzer Zeit anfing, tief und regelmäßig zu atmen.