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Val, Hans E.: 100 Kurzgeschichten. Nachdenkliches - Lustiges - Unsinniges
ISBN 3-933664-03-9 (01/2000)
252 Seiten, Ebr., EUR 15,50

Geschichten, die das Leben schreibt, können nachdenklich, lustig oder unsinnig sein. Zunächst bestand die Absicht, diese Kurzgeschichten in drei Sektionen zu unterteilen. Es wurde aber schließlich auf diese Unterteilung verzichtet, da das Unsinnige natürlich immer auch lustig sein soll, das Lustige zum Teil unsinnig ist, aber auch nachdenklich stimmen kann. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, daß das, was unter ‘nachdenklich’ einzusortieren wäre, manchem Leser unsinnig erscheinen mag.
Jeder Leser mag die einzelnen Geschichten so einstufen, wie er sie empfindet.

Leseprobe

Die Zinkwanne und die physikalischen Gesetze
Vor dem Umzug in unser neues Haus hatten wir neben unserer Wohnung einen gepachteten Garten. Darin hatte ich mir vor einigen Jahren ein aus Betonelementen bestehendes Gartenhäuschen aufgestellt.
Nachdem ich vergeblich versucht hatte, für den Garten einen ‚Nachpächter‘ zu finden, der auch gewillt war, das Häuschen zu kaufen, montierte ich es ab und stellte es in meinem neuen Garten wieder auf. Hinter dem Häuschen hatte bisher unter der Regenrinne eine alte Zinkwanne gestanden, die nahm ich auch mit. Im neuen Garten stellte ich sie wieder unter die Regenrinne, obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre, weil ich auf dem neuen Grundstück Wasseranschluß hatte. Aber wir im Krieg Aufgewachsenen werfen so schnell nichts weg. Außerdem machte ich auch so meine Spielchen.
Es faszinierte mich immer wieder, daß unter bestimmten Bedingungen das Wasser auch den Berg hochläuft. Hierzu braucht man ein Stück Gartenschlauch. Man legt das eine Ende in die mit Wasser gefüllte Wanne, saugt an – und muß dann das andere Ende etwas tiefer als die Wasseroberfläche in der Wann hinlegen. Danach läuft das Wasser durch den Schlauch ganz von allein aus der Wanne heraus. Dieses beruht auf einem physikalischen Gesetz. Ist der Schlauch etwas länger, kann man damit umstehende Sträucher und Bäume bewässern.
Eines Tages, nach einem kräftigen Regenschauer, wollte ich wieder ansaugen. Zu meines Überraschung war die Wanne leer. Der Schlauch war noch plaziert. Auf dem Boden der Wanne hatte ich ihn mit einem Stein beschwert. Die Wanne stand etwas schräg, der Schlauch lag bis zur Mitte des Wannenbodens, verlief zunächst ein kurzes Stück leicht abfallend, erreichte dann steil aufsteigend den Wannenrand, um von dort abfallend ins Gelände zu gelangen. Am tiefsten Punkt der Wanne war noch ein kleiner Rest Wasser verblieben, durch den der Schlauch hindurchlief.
Damit war klar, daß in diesem Teil des Schlauches auch noch Wasser sein mußte. Ich war ziemlich sicher, daß ich, wenn auch mit Hilfe eines Zufalls, eine kleine Erfindung gemacht hatte. Man muß den Schlauch richtig plazieren, so wie ich es zufälligerweise getan hatte. Der Schlauch ist dann durch das noch darin enthaltene Wasser von der Außenluft abgeschossen. Die Wanne füllt sich beim nächsten Regen und das Wasser dringt in den Schlauch ein. Es entsteht eine Luftblase, die das bereits im Schlauch befindliche Wasser nach oben drückt. Nach dem Ablauf des hochgedrückten Wassers sorgt die dahinter kommende Luftblase für den Saugeffekt. Sozusagen automatisch läuft dann die Wanne leer. Dieser Vorgang kann sich unbegrenzt wiederholen.
Das beeindruckte mich sehr. Doch dann bekam ich leichte Zweifel: Wenn Wasser in den Schlauch einläuft, wird doch die darin befindliche Luft nach hinten entweichen. Eine Luftblase kann sich doch somit gar nicht bilden. Aber ich hatte doch den Beweis: Die Wanne war leer. Ich war auch absolut sicher, daß vorher niemand an der Wanne herumhantiert hatte. Vielleicht ist dieser Vorgang nicht ganz genau so, wie ich es mir eben gerade ausgemalt hatte, sagte ich mir, aber sicher gibt es physikalische Gesetze, nach denen dieser Vorgang abläuft. Ich bin kein Physiker und kann die ganz genaue Erklärung nicht geben.
Schließlich hatte ich eine Idee: Ich holte einen Eimer Wasser und goß ihn in die Wanne. Siehe da, das Wasser wurde weniger. Ich sprang aufgeregt zum Ende des Schlauches: Nichts! Es kam kein Wasser heraus. Ziemlich ratlos blickte ich zurück zur Wanne, dabei stellte ich fest, daß um den unteren äußeren Rand der Wanne die Erde naß war, und dann sah ich, daß das Wasser an diesem unteren Rand langsam herauslief. Die Wanne war ganz einfach undicht geworden, durchgerostet oder zerfressen, wie man sagt, denn Zink rostet ja nicht. Somit mußte ich wieder einmal die Erfahrung machen, daß es für kompliziert erscheinende Vorgänge oft eine einfache, geradezu ernüchternde Erklärung gibt.
Am nächsten Morgen im Büro kam mir diese Geschichte wieder in den Kopf. Ich dachte, es wäre vielleicht ganz amüsant, meinem Kollegen davon zu erzählen. Vielleicht konnte ich ihn mit den physikalischen Gesetzen etwas aufs Glatteis führen. Vorher möchte ich jedoch noch meinen Kollegen etwas beschreiben. Er war etwas älter als ich, hatte schneeweiße Haare und einen weißen Spitzbart (so ähnlich wie DDR-Ulbricht), eine eher schmächtige Figur, jedoch mit einem beträchtlichen Bäuchlein, er trug immer Hosenträger, so daß ihm die Hosenbeine, von hinten betrachtet, bis hoch ins Gesäß gingen.
Ich habe mich nie mit ihm gestritten, aber befreundet haben wir uns auch nicht. Er war ein sogenannter Sprücheklopfer, im Lauf der Jahre hatte er sich bestimmte Redensarten abgehört und sie in seinen ständigen Wortschatz integriert, ab und zu waren seine Sprüche amüsant, auch wenn es manchmal ‚Spitzen‘ gegen mich waren. So sagte er einmal zu einem Dritten, der in unserem Zimmer war: “Es gibt welche, die studieren so lange, daß sie, wenn sie endlich mal anfangen zu arbeiten, den Rentenantrag gleich beilegen können.” Damit spielte er auf die lange Studienzeit meines Sohnes an. Ansonsten konnten einem seine Standardphrasen, wenn man sie immer wieder hören mußte, allmählich ganz schön auf den Wecker gehen. So sagte er speziell bei weiblichen Lehrlingen immer wieder: “Sie sind ein Aas, äääh, ein Ass.” Bei jeder Gelegenheit sagte er unnötigerweise “Im Grunde genommen”, Dinge, die ihm leicht lösbar erschienen, waren für ihn eine “Klackssache”. Gern sprach er auch vom “Ende der Fahnenstange”.
In der nachfolgend geschilderten Unterhaltung will ich noch einige seiner Standardphrasen unterbringen, ich werde diese kursiv schreiben.
Ich fing ungefähr so an: “Ich dachte immer, Zink würde nicht rosten oder verrotten.”
“Haben Sie eine Ahnung”, fiel er mir ins Wort, “da kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich denke, da frißt mein Pferd nicht mehr, sämtliche Dachrinnen an meinem Haus waren praktisch undicht, völlig verrottet, ich persönlich hatte es nicht gemerkt, meine Frau sagte, was tröpfelt denn da immerzu. Ich sage, das dürfte doch wohl ein freundlicher Irrtum sein, die Rinnen sind doch aus Zinkblech, im Grunde genommen können die doch gar nicht verrosten, aber aus welchen Gründen auch immer, sie waren völlig verrottet, zerfressen. Da führt kein Weg dran vorbei, da müssen neue dran, es tut mir leid, aber mehr tut es mir nicht, Ende der Durchsage.”
Sein Schwager hätte ihm noch geholfen, erzählt er weiter, der verstünde was davon. “Das ist doch für uns kein Satz ”, habe sein Schwager gesagt.
Freunde der Nacht, habe ich gesagt, was soll das kosten?”
Dann erzählt er ausführlich, daß er bei der Montage feststellen mußte, daß ihm ein kleines Verbindungsstück fehlte, entweder hätte er vergessen, es zu bestellen, vielleicht sei es ihm auch gestohlen worden oder sonst irgendwie abhanden gekommen.
Das Gediegene dabei ist, was meinen Sie, was so ein kleines Teil kostet, wenn man es einzeln nachkauft?” Und er beantwortete die Frage gleich selbst: “Das Zehnfache, fast das Zehnfache des ursprünglichen Preises.”
Und man spürte, wie er sich über diese Unverschämtheit, die ihn wohl maßlos geärgert hatte, erneut aufregte. Meine eigene Geschichte zu erzählen, ihn in seiner gereizten Stimmung jetzt noch mit physikalischen Gesetzen zu beharken, erschien mir wenig sinnvoll.
Aber immerhin hatte meine Geschichte doch eine nette Unterhaltung mit einem sonst – mir gegenüber – sehr schweigsamen Kollegen in Gang gebracht. Inzwischen war es außerdem Mittagszeit geworden. Mein Kollege wurde unruhig, er müsse jetzt schnell zum Mittagessen, sagte er. Ein Blick zur Uhr zeigte mir, daß er bereits einige Überminuten drangehängt hatte.